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Gewisse Dinge verfolgen einen über Jahre. Bei mir sind es meine alten Geschichten. Denn während die einen ratzfatz aus der Feder fliessen und von A bis Z stimmig sind, gären andere vor sich hin, warten auf Veränderung, auf Evolution, auf ein alternatives Ende – oder auf eine Fortsetzung.
So geschehen bei meinem Thriller „Der Screener“. Viele Jahre nach den ersten Zeilen erscheint nun eine komplett überarbeitete Fassung, die als „Teil 1“ die Basis für eine Fortsetzung bildet.

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Nachwort und Neubeginn

Was zum Geier führt dazu, dass ein fertiger Roman sich quasi selbst neu erfinden musste? In meinem Nachwort zu „Der Screener Teil 1“ habe ich zusammengefasst, wo des Pudels Kern lag:

Als ich im Jahr 2010 die ersten Zeilen zu meinem Thriller ‚Der Screener‘ schrieb, war das Ziel der Reise – wie bei Heldenreisen üblich – unklar. Im Verlauf meldeten sich die Protagonisten zu Wort, flüsterten mir zu, wie die Geschichte sich zu entwickeln habe – so, wie ich es von früher her kenne.

Als Geschichtenerzähler glaubt man oft, etwas zu erfinden, und plötzlich ist sie da, die Eigendynamik: Der Schriftsteller wird zum Sekretär seiner Kreaturen, die ihm diktieren, wie es weitergehen soll. Und da jede dieser Figuren ihre eigene Meinung hat, geht es dabei oft alles andere als friedlich zu.

Dann, kurz vor Vollendung des Romans, geschah das Schreckliche: Meine Romanfiguren ließen mich im Stich. Da saß ich nun mit gut fünfhundert Thriller-Seiten und redete mir ein, dass die Geschichte zu einem Ende kommen muss. Da dieses aber so unklar war, so nebulös, musste das Showdown umso dramatischer werden, um von meiner Planlosigkeit abzulenken. Ein fataler Fehler, wie ich feststellen musste. Bei einem Roman muss der Anfang und das Ende perfekt sein. Alpha und Omega. Punkt.

Der Muse kalte Schulter

Photo by Elijah Hail on Unsplash

Doch mein Omega hinkte. Entsprechend waren die Kritiken zum Gesamtwerk fast durchwegs positiv, während die Meinungen zur Endszene verdientermaßen kritisch waren.

Dann, vor einem Jahr, kam die Erleuchtung. Spät, aber immerhin. Die Erkenntnis war einfach, eigentlich banal: Es konnte keinen passenden Schluss geben, weil der Roman noch gar nicht zu Ende gehen sollte!

Die Einsicht war der Funke, der die kreative Zündschnur wieder zum Brennen brachte. Meine Romanfiguren schlichen sich auf Zehenspitzen in mein Zimmer, flüsterten mir ihre Ideen zu, wie es weitergehen sollte. Eine jener Figuren war besonders überzeugend. Michael ‚Die Flamme‘ Coppola, Kredithai und Drogenbaron der Upper West Side, verlangte von mir, ihn von den Toten auferstehen zu lassen. In der Stille der Nacht raunte er mir zu: „Wir sind noch nicht fertig miteinander.“

Es ist unklug, einem psychopathischen Mafioso mit Flammenwerfer-Fetisch zu widersprechen. Und so sitze ich wieder an meinem Laptop und schreibe. Denn die Reise ist nicht zu Ende.

Sie hat eben erst begonnen …

Gewinne das eBook zu „Der Screener Teil 1„!

Wer aktiv beim letzten Schliff mithelfen will, ist herzlich willkommen. Demnächst findet eine Leserunde zum Roman bei LovelyBooks statt, einem der grössten sozialen Büchernetzwerke Deutschlands. Mitmachen ist ganz einfach: schreibt mir auf ypatak@bluewin.ch, und ich lade euch zur Leserunde ein. Ihr bewertet den Thriller (und sucht dabei als Detektive nach Denk- und Schreibfehlern), schreibt eine Rezension, und dafür gibt’s ein Gratis-Buch (eBook oder Taschenbuch, dies entscheidet das Los). 

 

Nervenkitzel! In der Verkaufsstatistik von Büchern liegt der Thriller meist weit vorne an der Spitze. Ein Genre, bei dem es in der Regel um schreckliche Dinge geht. Um gefährliche Dinge. Mord, Totschlag, Betrug, Intrigen, Verschwörungen. Alles, was unseren Puls und Blutdruck in die Höhe treibt,  Adrenalin in unsere Gefäße jagt und uns dazu bringt, abends nochmals zu prüfen, ob das Türschloss verriegelt ist, niemand unter unserem Bett liegt und keine seltsamen Geräusche aus dem Keller kommen. So wie man dem Vampir die Tür öffnen muss, laden wir den Nervenkitzel in unser Leben ein.

Nervenkitzel: warum zum Teufel suchen wir das Grauen?

Mit Sicherheit wissen können wir es nicht. Meine persönliche Theorie führt uns in die Vergangenheit: in unsere Entwicklungsgeschichte, zur Evolution des Menschen.

Bis vor Kurzem – also bis vor etwa 500.000 Jahren – gab es für uns Menschen nur einen Job: Überleben. (Wusstest du übrigens, dass wir Menschen zur Untergattung der Trockennasenprimaten und zur Familie der Menschaffen gehören?). Um zu überleben, mussten wir lernen, Gefahren zu erkennen, und zwar schnell. Dinge wie Liebe, romantische Sonnenuntergänge und hübsche Blumen waren fürs Überleben nicht wichtig, weshalb sich unser Gehirn unermüdlich auf potentielle Gefahren konzentrierte.

Säbelzahntiger versus Sonnenuntergang

Szenenwechsel: Eine Gruppe von Höhlenmenschen sitzt ums Lagerfeuer, kaut an Mammutknochen herum oder glotzt stumpf vor sich hin. Plötzlich rennt Ntuc herbei und ruft „Hey, wunderschöner Sonnenuntergang, alle mal raus!“ Die Höhlenbewohner gaffen ihn verständnislos an. Was zum Geier sollte an einem Sonnenuntergang so prickelnd sein, dass man dafür die warme Höhle verlässt?

Doch ein paar Tage später stolpert Ntuc nochmals in die Höhe und brüllt: „Säbelzahntiger!“ Zehn Sekunden später sind alle Höhlenmenschen auf den Bäumen.

Gefahr: Die Mutter aller Reize

Es ist offensichtlich: Das Gefährliche weckt unsere Aufmerksamkeit. Denn während der Sonnenuntergang oder eine hübsche Alpenrose kaum je über Leben und Tod entscheidet, geht uns der Säbelzahntiger an die Eingeweide. Unser Hirn lernte über die Jahrtausende, die Gefahr – neben der Fortpflanzung – als wichtigsten Stimulus einzustufen.Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.com Smoke Demon Nervenkitzel

Nun hat sich der Mensch und sein Umfeld seit der Höhle dramatisch verändert. Die meisten der früheren Gefahren gibt’s fast gar nicht mehr oder nur in stark verdünnter Version. Säbelzahntiger und Höhlenbären sind ausgestorben, gegen Bakterien gibt’s Antibiotika, gegen Frostbeulen Minergie-Häuser mit Bodenheizung.  Doch nun geschieht das Paradoxe: statt unsere neu gefundene Sicherheit so richtig zu genießen, suchen wir die Gefahr – oder mit dem Nervenkitzel eine Prise davon. Wir lesen Krimis. Ziehen uns Action-Flicks und Horrorfilme rein. Machen Bungee-Jumping, gehen Segelfliegen, frönen dem ungeschützten One-Night-Stand oder fahren Motorrad, möglichst ohne Helm.

Fast scheint es, als hätte sich unser Gehirn als Gefahrendetektor so weit spezialisiert, dass es ohne den Thrill der Gefahr nicht mehr auskommt, förmlich danach lechzt. Ich jedenfalls bekomme einen mächtigen Kick von der fiktiven Gefahr – als Schreibender, als Leser wie auch als Film-Konsument. Und ja, ich glaube immer noch daran, dass neben der etwas perversen Suche (oder Sucht?) nach der Gefahr auch ein therapeutischer Teil dahintersteckt: Wer den Nervenkitzel sucht, konfrontiert seine Ängste. Ob er sie dabei nur anfeuert oder wirklich verdaut, darüber streiten sich die Gemüter.

Lasst uns also abstimmen: Wer glaubt, dass der Thrill das Salz in der Suppe des Lebens ist, der poste einen Kommentar. Und jeder, der anders denkt, natürlich auch … auf eigene Gefahr!