Gruseliges Ypsilon

Kürzlich las ich auf Lovelybooks die lyrischen Worte jener geschätzten Mit-Autorin, die unsere Anthologie „Geträumte Welten“ aus der Wiege hob. Es ging dabei um den Buchstaben Ypsilon, und ihre Zeilen waren folgende (flüsternd zu lesen, wie eine magische Formel):  

Y wie… Ypsilon, du gebrochener, Geheimnisse webender Buchstabe. Dazu erschaffen, exotische wie magische Worte zu bekrönen. Yggdrasil, das Pferd des Schrecklichen. Yaksha, sich wandelnd in Gespenst, Wächter oder Dämon. Ymir, gewaltiger Riese aus dem Eis der Urwelt geformt. Yaxchilán, sagenhafte Schöne im Urwald versunken. Yazata!

Ein hinterhältiger Buchstabe

Als ich sie darauf ansprach, dass mir mein eigenes Ypsilon (in Yves) schon einige Fragen aufgeworfen hat, erläuterte sie mir folgendes: ‚Das Y ist eine wahre Königin des hinterhältigen Wortklangs. Lass dir dies nur mal auf der Zunge zergehen: Yasna, Yama, Yamen, Ylide, Yponomeutidae.

Und das verbirgt sich hinter dem Wohlklang: Opfer, Herrscher der Hölle, Zahntor, Gespinstmotten, reaktive Ammoniumverbindung.’

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein Buchstabe also, der es in sich hat. Und vor allem ein Buchstabe, der mein Autoren-Motto „Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Moderne“ auf unheimliche Weise widerspiegelt und erklärt, warum ich auf allen Ebenen ein Grenzgänger (oder Grenz-Übeschreiter) bin. Jekyll und Hyde – beides Namen, in denen ein Ypsilon schlummert – sind Archetypen der Gegensätze, des himmlischen und höllischen Prinzips, Yin und Yang (hey, schon wieder zwei Ypsilons!)

Ein alter Freund, der seine Tochter Maia nannte, erklärte mir, dass er Maia mit ‚i‘ wählte statt die Version mit ‚y‘, weil das Ypsilon zu viel Ambivalenz in sich trage, die Gefahr, von zwei Wegen den falschen zu wählen … ob meine Eltern wussten, was sie mir mit dem Namen Yves für einen köstlichen Fluch auferlegten?

Hier geht’s zum alles erleuchtenden Y-Artikel:

Ypsilon

Foto: „Der Turm“ aus dem Rider Waite Tarot, Künstlerin Pamela Colman Smith