Gruseliges Ypsilon

Kürzlich las ich auf Lovelybooks die lyrischen Worte jener geschätzten Mit-Autorin, die unsere Anthologie „Geträumte Welten“ aus der Wiege hob. Es ging dabei um den Buchstaben Ypsilon, und ihre Zeilen waren folgende (flüsternd zu lesen, wie eine magische Formel):  

Y wie… Ypsilon, du gebrochener, Geheimnisse webender Buchstabe. Dazu erschaffen, exotische wie magische Worte zu bekrönen. Yggdrasil, das Pferd des Schrecklichen. Yaksha, sich wandelnd in Gespenst, Wächter oder Dämon. Ymir, gewaltiger Riese aus dem Eis der Urwelt geformt. Yaxchilán, sagenhafte Schöne im Urwald versunken. Yazata!

Ein hinterhältiger Buchstabe

Als ich sie darauf ansprach, dass mir mein eigenes Ypsilon (in Yves) schon einige Fragen aufgeworfen hat, erläuterte sie mir folgendes: ‚Das Y ist eine wahre Königin des hinterhältigen Wortklangs. Lass dir dies nur mal auf der Zunge zergehen: Yasna, Yama, Yamen, Ylide, Yponomeutidae.

Und das verbirgt sich hinter dem Wohlklang: Opfer, Herrscher der Hölle, Zahntor, Gespinstmotten, reaktive Ammoniumverbindung.’

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein Buchstabe also, der es in sich hat. Und vor allem ein Buchstabe, der mein Autoren-Motto „Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Moderne“ auf unheimliche Weise widerspiegelt und erklärt, warum ich auf allen Ebenen ein Grenzgänger (oder Grenz-Übeschreiter) bin. Jekyll und Hyde – beides Namen, in denen ein Ypsilon schlummert – sind Archetypen der Gegensätze, des himmlischen und höllischen Prinzips, Yin und Yang (hey, schon wieder zwei Ypsilons!)

Ein alter Freund, der seine Tochter Maia nannte, erklärte mir, dass er Maia mit ‚i‘ wählte statt die Version mit ‚y‘, weil das Ypsilon zu viel Ambivalenz in sich trage, die Gefahr, von zwei Wegen den falschen zu wählen … ob meine Eltern wussten, was sie mir mit dem Namen Yves für einen köstlichen Fluch auferlegten?

Hier geht’s zum alles erleuchtenden Y-Artikel:

Ypsilon

Foto: „Der Turm“ aus dem Rider Waite Tarot, Künstlerin Pamela Colman Smith

Unnützes Wissen … gibt’s das?

Die meisten wissen es schon: als Affe (chinesisches Horoskop) und Schriftsteller stehe ich auf voll auf „unnützes Wissen.“ Doch was genau ist daran unnütz? Alles, was spannend ist, nützt mir: einerseits, weil es mein Gehirn stimuliert, anderseits, weil man viele dieser skurrilen Fakten irgendwo in einen Roman einbauen kann, um die LeserInnen zum Schmunzeln, Nachdenken oder Fingernägel-Kauen zu bringen.

Hier also ein paar Perlen: 

Nord Korea sitzt auf Mineralschätzen, die gut 6 bis 10 Trillionen Dollar wert sind, kann diese aber nicht fördern, weil die Technologie und Ausrüstung dazu fehlt.

Jesus

Weltweit stehen immer noch vierzehn Bäume, die bereits vor Jesus Christus’ Geburt lebten.

Wissenschaftler fanden heraus, dass das Huhn schliesslich doch vor dem Ei kam, denn die Eierschale enthält Proteine, die nur Hühner produzieren können. 

Menschliches Blut ist billiger als Druckertinte.

Die ‚Made in China‘-Kleber werden in Süd-Korea hergestellt. 

Queen

Queen Elizabeth arbeitete während des Zweiten Weltkriegs unter anderem als Mechanikerin. 

Man nimmt an, dass die berüchtigt unleserliche Handschrift der Ärzte jährlich für den Tod von 7000 Patienten verantwortlich ist. (Anmerkung: mein Apotheker meint, ich hätte für einen Arzt eine durchaus passable Handschrift …)

Sunadha Kumariratana, eine frühere Königin von Thailand, ertrank während ihr Volk dabei zusah, weil es verboten war, sie zu berühren. 

US-Präsident George Washington gab im Sommer 1790 200 Dollar für Eiscreme aus. Der heutige Gegenwert dafür beträgt ca. 5100 Dollar. 

Oberflächlich?

Die US-Amerikaner geben jährlich mehr Geld für Schönheit und Kleider aus als für Bildung. 

Russland und Japan haben immer noch kein Friedensabkommen unterzeichnet, in welchem sie deklarieren, dass der Zweite Weltkrieg beendet ist. 

(Foto: Alison Burrell, Pexels.com) 

Es ist immer wieder spannend, was gewisse Leute über sich selbst und Mitmenschen wissen oder zu wissen glauben. Hier wieder mal ein paar interessante Tipps und Tricks aus dem Land der psychologischen Merkwürdigkeiten.

Blickkontakt

Wenn du jemanden zum ersten Mal triffst, achte auf seine/ihre Augenfarbe. Vielleicht liegt es am leicht verlängerten Blickkontakt, jedenfalls wird dein Gegenüber darauf reagieren. 

Menschen sind sich ihres Berührungssinnes sehr bewusst. Wenn also jemand (sagen wir mal vom anderen Geschlecht) wie ‚zufällig‘ seine/ihre Hand auf deinem Knie ruhen lässt, dann ist das dieser Person absolut bewusst. 

Grinsen

Wenn du dein breitestes Grinsen aufsetzt, wirst du dich automatisch (und sofort) besser fühlen.

Um voller Energie in den Tag zu starten, kannst du sobald der Wecker klingelt ruckartig im Bett aufsitzen, die Faust ballen und „JA!!“ rufen.

Fussstellung

Achte auf die Fussstellung der Leute. Wenn du zu einer Gruppe stösst und sich dir alle mit dem Oberkörper zuwenden, aber die Füsse nicht bewegen, möchten sie nicht wirklich, dass du dazukommst. Andererseits kann es sein, dass dir jemand anscheinend zuhört, den Oberkörper zugewandt, aber die Füsse ‚zeigen‘ in eine ganz andere Richtung: dieser Mensch würde das Gespräch lieber beenden. 

Möchtest du jemanden dazu bringen, etwas für dich zu tun, hat es einen ‚bahnenden Effekt‘, die Person zuerst zu bitten, etwas Einfaches auszuführen. 

Wenn jemand dir einen Gefallen tut, tritt oft der Effekt der ‚kognitiven Dissonanz‘ ein: die Person denkt, dass sie dich mögen muss, weil sie dir ja einen Gefallen getan hat. 

Schweigen

Wenn du jemandem eine Frage stellst und die Person nur teilweise antwortet, warte ab: wenn du schweigst und den Blickkontakt aufrecht erhältst, wird die person normalweise weitersprechen.

Wenn du dich in eine Situation begibst, die dich nervös macht (wie Sprechen vor Publikum oder ein Rendezvous), kaue einen Kaugummi: Sobald wir essen, meldet unser Gehirn eine gewisse Entwarnung, da wir ja ‚nicht essen würden, wenn wir in Gefahr währen.‘

Der starre Blick

Wenn du dich auf einem Gehsteig voller Menschen vorwärts bewegst (z.B. am Times Square in New York), schaue den Menschen nicht in die Augen, sondern starr geradeaus, in deine Gehrichtung: die meisten Menschen erkennen das und gehen dir instinktiv aus dem Weg. 

Menschen erinnern sich weniger an das, was du ihnen gesagt hast, sondern an das Gefühl, das du in ihnen ausgelöst hast. 

Wenn du dich dazu bringen kannst, dich richtig auf die Menschen zu freuen, die du (z.B. an einer Party) triffst, werden die meisten ein ähnliches Gefühl erleben; falls nicht beim ersten Mal, dann mit grosser Wahrscheinlichkeit bei der nächsten Begegnung.

Rendezvous

Bei einem ersten Rendezvous ist es ein reizvoller Kniff, sein Gegenüber an einen anregenden Ort zu bringen (Pary, Kirmes mit Achterbahn etc.): die Person wird dann die angenehmen, anregenden Gefühle mit dem Date (also mit dir) in Verbindung bringen. 

Der Schlüssel zu einem guten, selbstbewussten Gefühl, wenn man einen Raum voller Menschen betritt, ist folgender: du stellst dir intensiv vor, dass dich in dem Raum bereits alle kennen und mögen. 

 

Wer sich ‚ganzheitlicher (oder holistischer) Lebensberater‘ nennt, nimmt ein grosses Wort in den Mund. Ich sehe diese Bezeichnung nicht als Werbe-Klischee, sondern als Versprechen an meine KlientInnen, in schwierigen und ‚hoffnungslosen‘ Fällen auch mal über den Tellerrand zu schauen und Ansätze auszuprobieren, die auf einen ersten Blick exotisch oder gar gefährlich wirken mögen.

LSD-Therapie

Eine dieser neuen Schienen ist die LSD-Therapie. Ja, richtig gelesen: Therapie. Die meisten kennen LSD aus der Hippie-Bewegung, wo die Droge (die eigentlich vor 75 Jahren als Medikament konzipiert worden war) massiv verteufelt wurde – wahrscheinlich nicht zuletzt aus politischen Gründen, weil die Flower-Power-Blumenkinder eine unwillkommene Schar von (Vietnam-)Kriegsgegnern waren.

Und ja, LSD ist nicht ohne: wie jedes Medikament hat es durchaus auch mögliche Nebenwirkungen.

Grosses Potenzial

Dennoch sind wir Schweizer momentan Vorreiter beim Versuch, das Medikament LSD als Therapeutikum endlich zu etablieren, denn offenbar hat es das Potenzial, Menschen mit Depressionen zu helfen – Menschen, die schon alles versucht haben und oft nur noch den Suizid als Ausweg sehen.  

LSD ist kein Wundermittel, das Depressionen oder Angst/Panikstörungen einfach wegwischt: Es ist viel mehr ein Katalysator, der eine Psychotherapie massiv vertiefen und nachhaltigere Veränderungen im Gehirn fördern kann. LSD und Psychotherapie gehören also zusammen. 

Nachdem ich nun eine Sondergenehmigung des BAG erhalten habe, habe ich in Zusammenarbeit mit Dr. Peter Gasser (einem der hocherfahrenen LSD-Pioniere) und Professor Mathias Liechti von der SÄPT) bereits mit meinen ersten Therapieversuchen begonnen – und diese sind vielversprechend. 

Wenn alles gut läuft, kann ich schon demnächst hier im Patak Blog über erste Erfahrungen berichten.  

Mein erstes Fazit hier schon mal im Voraus:

  1. Manchmal muss man die eigenen Scheuklappen abwerfen und Grenzen sprengen, um das Unwahrscheinliche zu erreichen.
  2. Vorurteile – sogar gegenüber Drogen – können auch Stolpersteine sein.
Photo by Pretty Drugthings on Unsplash

DER SCREENER – Teil 2

Nachdem ich meinen Mystery Thriller DER SCREENER – Teil 1 letztes Jahr komplett revidiert und ein völlig neues ‚Ende‘ konzipiert habe, fügen sich die Puzzle-Teile endlich zusammen: Desmond Parkers Odyssee geht nämlich weiter, und auch diesmal führt die Reise an Orte des Grauens und des Unheimlichen …

Anbei die exklusive erste Kostprobe für Schatzkiste-LeserInnen:

 

DER SCREENER – Teil 2

(Leseprobe)

 

JETZT

Eingesperrt

Blue Oak Forensic Clinic, Clifton,

New Jersey – Donnerstag, 13:22 Uhr

Desmond betritt das Kinderzimmer, und der Horror beginnt. Die Echtheit des Erlebens ist mörderisch. Unerträglich. Das Mobile mit dem Planetensystem an der Decke bewegt sich leicht im Luftzug, den das Öffnen der Tür verursacht hat. Auf dem blauen Teppichboden liegt eine Handpuppe von Kermit, dem Frosch – ein Spielzeug, mit dem Desmonds Vater in seiner Kindheit gern gespielt und das er für seine Kinder aufbewahrt hat.

Ich will das nicht sehen.

Wie von einem unsichtbaren, frostigen Wind vorwärtsgetrieben geht Desmond weiter und bleibt in der Mitte des Zimmers stehen. Die beiden Wiegen – solides Eichenholz, vom Vater selbst gezimmert – stehen in den Ecken des Raumes, neben dem Fenster, schaukeln langsam hin und her.

Ich will nicht …

Desmond atmet schneller, sein Herz pocht bis in seinen Hals. Alles in ihm schreit danach, auf dem Absatz kehrtzumachen und aus dem Zimmer zu fliehen, bevor das Unsägliche geschieht, das Unvermeidliche, doch er kann nicht. Seine Füße kleben auf dem Teppichboden.

Mit leicht geöffnetem Mund starrt er auf die hauchdünnen Schleier über den Wiegen. Schleier, die den Eltern den Anblick der beiden toten Babys ersparen sollen. Jasper kam ein Jahr nach Desmond zur Welt. Winston ein weiteres Jahr später. Beide starben wenige Tage nach ihrer Geburt am plötzlichen Kindstod.

Bitte … Desmonds Haut kribbelt, als strichen unsichtbare Spinnweben über sie. Lasst mich!

Wie in einem makabren Puppenspiel gleiten die Totenschleier von den Wiegen, und Desmond sieht seine beiden Brüder, sieht ihre blau angelaufenen Gesichter.

Starre Augen richten sich auf ihn.

Desmond.Jaspers winziger Babymund verzieht sich zu einem seelenlosen Lächeln. Du solltest tot sein, nicht wir …

 Wir werden dich holen, Desmond,bestätigt Winston. Schon bald.

Winzige Hände greifen nach dem Rand der Wiegen, und im Zeitlupentempo der Unvermeidlichkeit klettern die Säuglinge heraus. Desmond versucht zu schreien, aber seine Stimmbänder sind gelähmt. Er konzentriert sich auf seinen Körper, auf die Starre, die er durchbrechen muss, wenn er überleben will. Mit aller Willenskraft kämpft er dagegen an, gewinnt die Kontrolle über seine Muskeln zurück. Er dreht sich um, bereit, aus dem Zimmer zu rennen – und bleibt stehen, als wäre er gegen eine Wand gerannt.

Im Türrahmen stehen seine Eltern, einen Ausdruck von ultimativem Schock auf den Gesichtern. Dann fühlt Desmond, wie von hinten winzige Hände nach seinen Beinen greifen, und er schreit, schreit, schreit …

_____

Keuchend setzt sich Desmond im Bett auf, schaut verwirrt um sich. Ein winziges Zimmer. Ein Tisch, ein Stuhl, ein WC, ein Waschbecken. Sonst nichts.

Meine Zelle.

Wie immer ist er nach dem Mittagessen – einer Mahlzeit, die einem koreanischen Kriegsgefangenenlager würdig gewesen wäre – eingeschlafen. Und wie jedes Mal realisiert er, wie viel klarer und echter seine Albträume sind als sein Leben im Wachzustand. Wach mit Psycho-Drogen … ein schlechter Witz.

Der Traum, eben noch da, beginnt sich zu verflüchtigen, weicht der wattigen Leere, die Desmonds Kopf erfüllt, seit er in der Klinik ist. Er schaut zum vergitterten Fenster, sieht das trübe Licht eines frischgeborenen Frühlings, der immer noch nach Winter riecht.

Auf gummiartigen Beinen erhebt er sich und geht zur Tür, den Oberkörper vornübergebeugt wie ein Parkinson-Patient. Trotz der Benommenheit beherrscht ihn Tag und Nacht eine innere Unruhe, die ihn dazu zwingt, ständig umherzugehen, oder an Ort und Stelle zu treten, in den Knien zu wippen. Er kennt die Akathisie, eine der typischen Nebenwirkungen der Neuroleptika, von seiner Ausbildung, und von seinen eigenen Patienten. Die Tatsache, dass er auf einmal die Rolle wechseln musste, dass er der Patient ist, erscheint ihm wie göttliche Ironie.

Du bist kein Patient, korrigiert er sich. Du bist ein Insasse. Ein Gefangener. Ein Mörder.

Als er nach dem Türknauf greift, fällt ihm auf, dass das leichte Zittern seiner Finger stärker geworden ist. Als wäre ich in wenigen Monaten um vierzig Jahre gealtert.

Er zieht die Tür auf. Die Sicherheitstüren sind tagsüber geöffnet, so dass sich die zwölf Insassen der Station D3 im Korridor oder im Aufenthaltsraum frei bewegen können. Doch von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens verwandelt sich das Zimmer in eine Gefängniszelle. Schreien, Betteln und mit dem Kopf gegen die Tür Hämmern verleitet die Nachtwärter höchstens zu einem gelangweilten Blick durch den Spion. Solange niemand im eigenen Blut liegt oder einen epileptischen Anfall hat, bleiben die Türen nachts geschlossen.

Desmond schlurft den Korridor entlang. Wie jeden Morgen beginnt er seine quälend langsame Tour, dreißig Längen zwischen Stationszimmer und Aufenthaltsraum, dreißig mal zwanzig Meter, um seine Muskeln nicht völlig verkümmern zu lassen. Neben ihm ziehen weiße Wände vorbei, unter ihm grauer Linoleumboden. Der Geruch von Desinfektionsmittel gibt ihm das Gefühl, eine tückische Nachahmung von Luft zu atmen.

„Hey, Parker!“

Desmond bleibt stehen, zwingt sich, den Kopf zu heben. Wenige Schritte vor ihm streckt Stanimir seinen Kopf aus dem Stationszimmer.

„Na?“ Der massige Bulgare winkt ihm mit dem Schlagstock zu, einer Kombination von Knüppel und elektrischem Viehtreiber. „Wie geht’s meinem Lieblings-Menschenöffner denn so?“

Desmond meidet die hellgrauen Augen des Wärters. Du kannst mich nicht provozieren. Zu häufig hat es der Bulgare geschafft, Desmond aus der Reserve zu locken, ihn zu reizen, bis er die Kontrolle verlor. Stanimir hatte nur auf die Gelegenheit gewartet, Desmond mit dem Viehtreiber zu züchtigen, ihm Strom durch den Körper zu jagen, bis er nichts als ein zuckendes, bewusstloses Stück Fleisch war.

Nicht heute.

Wortlos macht Desmond kehrt und schlurft in die andere Richtung. Versucht, nicht daran zu denken, dass er seit zwei Monaten und zehn Tagen Insasse eines menschenverachtenden Höllenlochs ist, das sich Klinik nennt – keine zwanzig Meilen von der Stadt entfernt, in der er in einem früheren Leben, vor Monaten, wohnte und als Psychologe praktizierte. Ein Steinwurf vom Big Apple, und doch in einer fremden Galaxis.

Er schaut auf seine Füße. Links. Rechts. Links. Rechts.

Sein Lebensgefühl ist ein Schrei, der sich tief in der Brust aufbaut, ohne es jemals zu schaffen, sich nach außen zu entladen. Während sein Gemüt in dichte Watte gepackt ist, wimmeln Kolonien von Geisterameisen durch seine Adern, seine Eingeweide, seine Seele.

Die Medikamente, die man ihm die ersten paar Wochen aufzwingen musste, nimmt er inzwischen freiwillig ein, gefügig wie ein Lamm. So sehr sie seinen Geist lähmen, so gründlich betäuben sie auch den Schmerz; die nagenden Schuldgefühle, versagt zu haben; die Selbstzerfleischung, dass er Jean nicht retten konnte. Nicht zuletzt unterdrücken die Pillen Desmonds ‚Talent‘ – den Fluch, den nahenden Tod in anderen Menschen zu sehen. Keine verschwimmenden Farben mehr. Kein unerträglicher Druck in der Stirn. Keine Übelkeit. Keine Wirbel, die um sein Gegenüber rotieren wie bösartige Tornados.

Das Einzige, was selbst die hochdosierten Neuroleptika und Benzodiazepine nicht dämpfen können, ist die tödliche Wut auf den Kalabrier.

Michael ‚Die Flamme‘ Coppola ist tot, mit Jean im Sturm untergegangen, und so sehr Desmond alles tun würde, Jean wieder lebendig in seinen Armen zu halten, so unbändig ist das Verlangen, den Mafioso wieder lebendig zu sehen, bloß, um ihn ein zweites Mal zu töten. Und noch einmal. Und immer wieder.

Unerreichbar, für immer … genau wie Jean.

Seit er die Medikamente schluckt, ist er sich selbst fremd, kann manchmal beinahe daran glauben, dass all das Grauen der letzten Monate jemand anderem zugestoßen ist – einem Fremden, den er nur geträumt hat.

Er schaut auf seine Füße, bewegt sie mit der trägen Regelmäßigkeit eines Standuhrpendels. Links. Rechts. Links. Rechts. Sein zu langes Haar hängt vor seinen Augen, schwingt zum schleppenden Rhythmus seiner Schritte hin und her. Hinter dem buschigen Vollbart schürzen sich die Lippen tickartig.

Vor ihm öffnet sich eine Tür, und aus Zimmer 11 stapft Tyrone Briggs heraus, ein schwarzer Hüne, der sich für Luke Cage hält. Die Ähnlichkeit mit dem Comic-Helden hält sich in Grenzen, aber die Körpermasse kommt dem Marvel-Vorbild ziemlich nahe. Desmond bewegt sich zur Seite, um Tyrone nicht im Weg zu stehen. Wer dem Muskelpaket in die Quere kommt, riskiert einen Urlaub auf der Krankenstation. Tyrone scheint gegen Beruhigungsmittel ebenso immun zu sein wie gegen Regeln und Anstand.

Desmond erreicht das Ende des Korridors und geht in den offenen Aufenthaltsraum. Acht am Boden festgeschraubte Tische, die Ecken abgerundet, um die Verletzungsgefahr zu verringern. Oben in der Ecke ein Fernseher mit Flachbildschirm und Gitterschutz, auf stumm geschaltet. Zwei Footballmannschaften – Desmond glaubt, die New England Patriots und die New York Giants zu erkennen – gehen wie die Wikinger aufeinander los. Hinten beim Fenster eine Lounge mit verschlissenen Kunstledermöbeln. Ein welliges Poster mit karibischen Inseln an der Wand.

Einer der Wärter – Bill ‚The Moustache‘ Könkerling – hört mit halbem Ohr Charles Lepotte zu, einem kleingewachsenen Mann mit Goldbrille, während er das Footballspiel im Auge behält.

Desmond schleppt sich zur Lounge, lässt sich in einen der Sessel fallen und schaut sich um. Abgesehen vom Wärter befinden sich drei Männer im Aufenthaltsraum: Lepotte, der schmächtige Goldschmied, der sich und seine Familie vergiftet und dummerweise als Einziger überlebt hat, sitzt auf einem der Sessel in Fensternähe, während er Bill die Ungerechtigkeit des Lebens erklärt; Scott Burnette, ein unheimlicher alter Kauz, der seiner Ehefrau die Kehle aufgeschlitzt hat, weil sie die falschen Götter anbetete. Und schließlich Jorge Pacota, der junge Mexikaner mit dem Überbiss, der seine Mutter aus dem vierzehnten Stock geworfen hat. Rastlos tigert er um die Tische herum.

Ein lähmendes Déjà-vu überkommt Desmond. Das erdrückende Gefühl von Stunden, Tagen und Wochen, die zähflüssig ineinander verlaufen wie Melasse, ewig gleiche Szenen des ewig gleichen, sinnlosen Alltags.

Er drückt sich die Handballen auf die Augen, versucht, der unerträglichen Realität seiner Gefangenschaft und den inneren Bildern zu entkommen.

Keine Chance.

Das Geräusch von Schritten lässt ihn aufblicken. Stanimir Balkanski stampft in den Aufenthaltsraum, die grauen Augen hin und her gleitend, eine Hyäne auf der Suche nach einem Opfer.

Er nickt seinem Kollegen zu. „Hey, Bill, kannst du mal eben das Stationszimmer übernehmen? Hab mit unserem Mr. Tortilla hier ein Hühnchen zu rupfen.“

„Geht klar.“ Der hochgewachsene Wärter mit dem gewachsten Schnauzer stelzt aus dem Aufenthaltsraum.

Stanimirs Blick richtet sich auf Jorge.

„Ey amigo!“ Gemütlich spaziert der Bulgare auf den jungen Mexikaner zu. „Dr. Cole hat soeben deine Blutresultate durchgegeben. Gemäß Labor nimmst du deine Medis seit mindestens zwei Wochen nicht mehr ein. Ist das deine Vorstellung von Kooperation?“

„No señor!“ Jorge ist abrupt stehengeblieben, die Augen panisch geweitet. „Ich … ich immer schlucke Medikament, jeden Tag! Ich –“

„Tsk, tsk.“ Stanimir schüttelt den Kopf. „Ungehorsam undLügen? Eine ungesunde Einstellung.“

Der Bulgare hakt den Schlagstock vom Gürtel.

„Señor Stanimir, por favor …“

Stanimir hebt einen tadelnden Zeigefinger. „Schnauze, Jorge. Du kommst jetzt mit mir zum Stationszimmer, wo du deine Medis vor meinen Augen schlucken wirst. Wenn du mir Probleme machst, jage ich dir ein paar Millionen Volt durch deine haarigen Eier.“

„Señor –“

„Cállate, coño.“ Stanimir hält die Elektroden des Schlagstocks direkt vor Jorges Nase, und der Mexikaner verstummt, die Lippen bebend.

Stanimir lächelt dünn. „Und denk dran, dieser Gringo hier lässt sich nicht verarschen. Ich werde dir ins Maul schauen wie bei einem störrischen Esel. Und danach bleibst du zwei Stunden lang schön brav hier im Aufenthaltsraum, damit du die Pillen nicht wieder auskotzt. Nos entendemos?“

Jorge nickt, macht einen großen Bogen um den Elektrostab und rennt aus dem Aufenthaltsraum.

Desmond starrt zum Bulgaren, sieht die kühlen grauen Augen, und für einen Moment sieht er nicht Stanimir dort stehen, sondern Michael Coppola.

Coppola, der Drogenbaron der Upper West Side.

Coppola, der psychopathische Pyromane.

Coppola, das Monster, das für Jeans Tod verantwortlich ist.

Stanimir fängt den Blick auf und spaziert auf Desmond zu, den Stock in der Hand.

„Hey, Seelenbohrer! Du guckst mich an, als wäre ich deiner Mutter an die Wäsche gegangen! Findest du, dass ich zu unserem Mexikanischen Freund zu streng war?“

Desmond zwingt sich, wegzuschauen. Schweigt.

Stanimir hält ihm die Stockspitze unter das Kinn. „Aber natürlich findest du das! Du warst ja schließlich Psychologe, bevor dir selbst ein paar Latten vom Zaun gefallen sind. Und ein guter Psychologe ist ein Gutmensch, ein Moralapostel, der die Welt verbessern will. Also sag mir“ – er hebt Desmonds Kinn, bis sich ihre Augen begegnen – „war ich zu streng?“

„Nein, Sir.“

Stanimir zieht den Stock zurück. „Was für ’ne Affenschande … offenbar machen dich die Neuroleptika nicht nur zu einem Gemüse, sondern lassen dir auch die Eier schrumpfen.“

Er klickt den Stock an den Gürtel und verlässt den Aufenthaltsraum. Desmond denkt an den völlig verstörten Mexikaner, stellt sich vor, wie dieser im Stationszimmer gezwungen wird, gegen seinen Willen Medikamente zu schlucken, die sein Denken, sein Fühlen, sein ganzes Sein betäuben. Medikamente, die ich freiwillig schlucke. Unter dem Mantel von Benommenheit fühlt Desmond, wie sich tief in ihm etwas regt. Wut? Selbstekel? Er weiß es nicht.

„Aufwachen“, leiert jemand.

Desmond schaut sich um und sieht, wie der alte Burnette direkt neben ihm steht und ihn mit seinen stechenden Augen beobachtet – ein Wissenschaftler, der ein exotisches Insekt unter dem Mikroskop studiert. Die nussbraunen Augen zucken hin und her.

Ein Nystagmus,denkt Desmond. Von Geburt an oder von den Medikamenten?

Desmond hält dem Blick Stand, sogleich auf der Hut. Seit seiner Einlieferung in die Blue Oak Forensic Clinic hat ihn der merkwürdige Greis noch nie angesprochen. Desmond vermutet, dass Burnette an einer ausgeprägten Wahnstörung leidet, vermutlich an einer Schizophrenie. Die meiste Zeit schleicht der ehemalige Optiker wie ein Geist durch die Gänge, lächelt sein gruseliges Dauerlächeln und flüstert unverständliches Zeug, als spräche er mit unsichtbaren Verbündeten.

„Auuuuf-wachen!“ wiederholt Scott Burnette in einem unheimlichen Singsang.

Mühselig stemmt sich Desmond auf die Beine. „Lass mich in Ruhe.“

Erstaunlich leichtfüßig folgt der Alte Desmond zum Korridor. Desmond bleibt stehen und fixiert den dürren Alten. Neben der fast vollständigen Glatze ragen seitlich zwei wirre, weiße Haarbüschel hervor. Obwohl er größer als Desmond ist, schafft er es irgendwie, ihn von unten anzuschauen, was ihm etwas Arglistiges verleiht.

„Du bist es!“ Burnette macht mit den Händen kreisende Bewegungen, ein Lehrer, der einen Schüler beim Lösen eines schwierigen Rätsels ermutigt. „Hab dich beobachtet, Kumpel, und ich weiß, du bist es!“

Wasbin ich?“ Desmond verschränkt die Arme. Tief in seinen Knochen fühlt er die bleierne Müdigkeit, die über die letzten zwei Monate zu seiner treusten Begleiterin geworden ist, und er sehnt sich nach seinem Bett, wissend, dass er es wegen der Akathisie dort keine zehn Minuten aushalten wird.

Burnettes Augen sind zwei zuckende Kiesel.

„Du bist der Todesengel!“

„Was?“

Der Alte lächelt listig. „Der Todesengel! Der Doppelnull-Agent der Göttin!“

„Ach ja? Danke für die Info. Und jetzt lass mich in Ruhe.“ Desmond wendet sich ab und schlurft weiter. Burnette weicht ihm nicht von der Seite.

„Du kannst den Willen der Göttin nicht ignorieren, Kumpel! Sie ist stärker, so viel stärker als wir … aber sie braucht uns. Braucht dich!

„Und du brauchst stärkere Medikamente, mein Freund.“ Desmond hat sein Zimmer erreicht, blickt zur Sicherheit auf die Nummer. Sein Verstand ist derart benebelt, dass er schon zweimal das falsche Zimmer betreten hat. Ein Fehler, der gefährlich sein kann, wenn man zum Beispiel das Zimmer von Tyrone alias Luke Cage betritt.

Nr. 5 – alles in Ordnung.

Er öffnet die Tür. Als der Alte Anstalten macht, ihm zu folgen, schiebt ihn Desmond sanft, aber bestimmt aus dem Zimmer.

„Oh ja!“ gluckst Burnette. „Der Todesengel braucht seine Privatsphäre … um den nächsten Schritt zu planen.“

„Was auch immer.“

Desmond schließt die Tür, wartet, bis er sicher ist, dass der alte Kauz ihm nicht doch noch ins Zimmer folgt. Dann schlurft er zum Bett und lässt sich auf die Matratze sinken. Doch während sein Körper sogleich auf die horizontale Lage reagiert, sich nach dem Schlaf des Vergessens sehnt, durchströmt ein rastloser Strom sein Gehirn.

Passiert das alles wirklich? Hier und jetzt?

Desmond ist, als wäre er durch eine unsichtbare Falltür in eine parallele Dimension gestürzt, eine Dimension der Boshaftigkeit und des Wahnsinns. Die Vorstellung, dass er vor knapp einem halben Jahr ein völlig normales Leben in Manhattan führte, kommt ihm unwirklich vor. Unfassbar.

Vielleicht bin ich wirklich verrückt. Gaga. Durchgedreht.

Eine plötzliche Nervosität erfasst ihn, macht es ihm unmöglich, liegenzubleiben. Neben seinen Neuroleptika, die er jeden Morgen und Abend schluckt, hat er Ativan in Reserve, ein Beruhigungsmittel, das er bei übermäßiger Anspannung verlangen darf – eine Option, die er seit seiner Zwangseinweisung erst zweimal in Anspruch genommen hat.

Er steht auf und geht zum Stationszimmer hinüber. Wie nebenbei bemerkt er, dass er wesentlich schneller geht als zuvor, angetrieben durch das Verlangen nach dem Tranquilizer. Eine Welle von Selbstekel erfasst ihn. Bin ich schon so weit? Ein verdammter Junkie?

Beim Stationszimmer angelangt hebt er die Hand, um an die Scheibe zu klopfen – und lässt sie wieder sinken. Durch das Fenster sieht er, wie Stanimir und Bill den jungen Mexikaner unsanft auf die Füße reißen. Jorge hat den glasigen Blick eines Boxers, der gerade K.o. gegangen ist.

Oder eines Mannes, der mit einem Elektroschocker traktiert wurde.

Desmond fühlt, wie seine Kiefermuskeln hart werden. Bis vor zwei Monaten hätte er nie geglaubt, dass das Klischee des sadistischen Wärters tatsächlich der Realität entsprechen könnte. Doch während die meisten Wärter zwar nicht besonders freundlich, aber auch nicht unverhohlen feindselig sind, lässt Stanimir klar erkennen, dass er einen Kick davon bekommt, Menschen zu terrorisieren. Ihnen weh zu tun.

Verwirrt schaut sich der Mexikaner um. Bill fasst ihn grob unter dem Arm und führt ihn aus dem Zimmer.

Stanimir dreht sich zu Desmond, sein Ausdruck derjenige eines Mannes, der gerade guten Sex hatte.

„Hey, der Klapsdoktor! Hast mich wohl vermisst?“

„Ativan.“ Desmonds Miene ist ausdruckslos. „Darf ich eins haben?“

Der Bulgare hebt eine Augenbraue. „Und ich dachte schon, du wärst wegen mir gekommen. Du brichst mir das Herz.“

Er dreht sich um und zieht eine Akte aus einem Archivschrank.

„Parker, Desmond … hmm! Tut mir leid, aber du hast dein Ativan heute schon gekriegt. So wie fast jeden Tag. Schau!“

Verständnislos starrt Desmond in die Akte, die ihm Stanimir vor das Gesicht hält. Auf einer Zeile im unteren Drittel, in der Rubrik ‚Reservemedikation‘, sieht er den Namen ATIVAN und daneben, säuberlich aufgelistet, gut zwanzig rote Kreuzchen. Eines für fast jeden Tag des Monats.

„Das … das stimmt nicht.“ Desmond zwingt sich, seine Fäuste zu lockern. „Ich habe das Ativan erst zweimal genommen!“

Stanimir schlägt die Akte zu. „Sorry, Dr. Freud, aber da muss dir deine Erinnerung einen Streich spielen. Du fährst ziemlich ab auf die kleinen gelben Dinger, so wie die meisten Benzo-Junkies.“

„Mistkerl“, knurrt Desmond durch die Zähne.

In Stanimirs Augen funkelt es. „Wie war das?“

„Du weißt genau, dass ich das Ativan weder heute noch in den letzten drei Wochen genommen habe!“

Der Bulgare öffnet die Tür und steht dicht vor Desmond, die Hand am Schlagstock.

„Nein, das weiß ich nicht, du kleiner Kacker. Weil in deiner Akte klar geschrieben steht, dass du eine miese kleine Benzo-Hure bist. Für eine Handvoll Ativan würdest du gleich hier und jetzt auf die Knie fallen und mir einen blasen – oder?“

Desmond hört das Klicken, als der Bulgare den Schlagstock vom Gürtel hakt.

„Verstehe.“ Desmonds Stimme ist heiser vor Wut. Er dreht sich um stapft zu seinem Zimmer zurück. Als er an der Nr. 3 vorbeigeht, öffnet sich schlagartig die Tür und eine dürre Hand packt ihn am Arm, zieht in in das Zimmer hinein.

Desmond schlägt die Hand weg und starrt in die rastlos zuckenden Augen von Scott Burnette.

„Gut!“ gurrt der Alte. „Sehr gut! Die Lebensgeister erwachen!“

„Fass mich noch einmal an, und ich –“

„Ah, ah, ah!“ Burnette tänzelt rückwärts um Desmond herum, ein grotesker Balletttänzer, und stößt die Tür zu.

Desmond ballt die Fäuste, unsicher, ob er einen alten Mann schlagen würde, um sich aus dessen Gegenwart zu befreien.

„Was zum Teufel willst du von mir?“

Burnette lächelt sein gruseliges Lächeln. „Ich bin der Augenöffner! Der Götterbote, der den Unwilligen das Licht der Erkenntnis bringt.“

„Okay.“ Desmond atmet tief durch. „Hör zu. Ich bin hundemüde, und ich will dir nicht weh tun … aber ich werde jetzt in mein Zimmer gehen, und wenn du dich mir in den Weg stellst – “

„Lausche der Botschaft!“ Unvermittelt breitet der Alte die Arme aus, wirft den Kopf in den Nacken und ruft in schrillem Falsett: „Entsaget dem Gift des Puppenspielers, und die Blinden werden sehen, die Lahmen gehen, und die Toten auferstehen! Matthäus Kapitel 11, Vers 5!“

Desmonds Kiefer sinkt nach unten. Diese Stimme!Ein Déjà-vu, nein, ein Déjà-entendu, das es nicht ganz in sein Bewusstsein schafft. Er richtet einen zitternden Finger auf den Alten.

„Wer zum Teufel bist du?“

Burnette schürzt die faltigen Lippen und legt den Kopf schief, ein hagerer Kobold.

„Du bist gestolpert.“ Der Tonfall einer Mutter, die mit ihrem leicht zurückgebliebenen Kind spricht. „Aber du musst wieder aufstehen. Auf die Füße kommen. Den Puppenspieler finden und ihn aus dem Weg räumen!“

Desmond macht einen Schritt rückwärts. „Du bist komplett verrückt.“

„Natürlich!“ kichert Burnette, während die stechenden Augen hin und her zucken. „Hier sind nämlich alleverrückt.“

Desmond stößt ihn zur Seite und verlässt fluchtartig das Zimmer, betritt schwer atmend sein eigenes.

Diese Stimme …

Erschöpft lässt er sich auf das Bett sinken, und sofort gleiten seine Augen zu.

Woher …?

Unvermittelt reißt er die Augen auf. Ich kenne diese Stimme! Ein Schauer geht durch seinen Körper, während er die unheimliche Szene in der WC-Kabine nochmals erlebt, auf dem Flug nach Kingston.

‚Hey, Kumpel! Du musst stark sein … nur der Mutige findet Gnade vor der Göttin.‘

Desmond kann die Stimme in seinem Kopf hören, als hätte jemand ein Tonband in seinen Schädel eingepflanzt.

‚Große Veränderungen stehen bevor … und ihre Vorboten kommen mit Feuer und Wasser.‘

Stocksteif liegt Desmond auf dem Bett, die Augen starr zur Decke gerichtet, während sein Herz in seiner Brust viel zu schnell schlägt, ein unheilvoller Trommelklang.

 

SECHS MONATE ZUVOR

Überleben

Ocho Rios, Jamaika – Samstag, 1:46 Uhr

Desmond krault durch das aufgewühlte Meer, die Augen starr auf die Hafenlichter von Ocho Rios gerichtet. Seine Arme und Beine sind flüssiger Schmerz, fremdartige Körperteile, die wie von alleine weiterkämpfen, während Desmonds Überlebenswille mit jeder Sekunde schwindet. Hohe Wellen klatschen ihm ins Gesicht, drücken ihn unter Wasser, während die Strömung ihn nach außen ziehen will, ins offene Meer. Der Schmerz der gebrochenen Rippe ist unerträglich, raubt ihm den Atem. Um ihn herum tobt der Sturm unvermindert weiter, als versuchten alle Naturgewalten, ihn aufzuhalten, ihn zu vernichten.

Schon in den ersten Sekunden hat sich Desmond nackt ausgezogen, bevor die nasse Kleidung ihn hinunterziehen konnte. Splitternackt kämpft er sich durch die kochende See, konzentriert sich auf die Lichter, die ihn leiten, auf den Schmerz, der ihn fühlen lässt, dass er noch lebt.

Noch.

Er denkt an Jean. Wenn er schon sterben muss, so soll Jean sein letzter Gedanke sein. Doch der Gedanke bringt keinen Frieden. Er stellt sich vor, wie sich Jean mit jeder Sekunde weiter von ihm entfernt, auf der Caribbean Mermaid im Sturm verschwindet, die Geißel eines sadistischen Psychopathen und Mörders.

Coppola.

Wie nebenbei wird Desmond bewusst, dass etwas mit ihm geschehen ist. Dass er auf den Kalabrier einen Hass empfindet, den er sich nie hätte vorstellen können. Ihm ist, als wäre Coppola ein Dämon, der ausgesandt wurde, ihn zu quälen, ihm alles zu nehmen – und ihn mit zerrissener Seele untergehen zu lassen.

Und ich habe ihn verschont …

Wie ein dunkler Tumor pulsiert die Erinnerung in Desmonds Kopf. Er sieht sich, wie er im Dschungel die Magnum auf den Kalabrier richtet, auf ihn zielt, den Finger am Abzug. Coppolas unerträglich süffisantes Lächeln. ‚Ich habe mich gerade gefragt, ob Sie die Eier haben, einen unbewaffneten Menschen einfach abzuknallen. Offenbar nicht.‘

Desmond schwimmt weiter, sein Geist im Urwald, jede Zelle in seinem Körper erfüllt vom glühenden Drang, den Kalabrier zu erschießen wie einen tollwütigen Hund. Er fühlt den Widerstand des Abzugs am Finger, fühlt den unsinnigen Widerstand tief in seiner Seele. Er denkt an den Vietnam-Veteranen mit dem weißen Bürstenhaarschnitt, den er von seiner PTBS befreit hatte; denkt an die Worte des Mannes während der ersten Sitzung, als sie über die unmenschlichen Massaker des Krieges sprachen.

‚Das Gehirn gewöhnt sich ans Töten, Mr. Parker … aber nicht die Seele. Wenn man zum ersten Mal einen Menschen tötet, öffnet man eine Tür, die sich nie mehr schließt. Eine Tür, die in eine unheimliche, fremdartige Dimension führt. Eine Dimension, die erschreckend ähnlich aussieht wie unsere normale Welt … aber es ist ein Trugbild, hinter dem sich Monster verstecken.

Mechanisch schwimmt Desmond weiter, sein ganzer Körper ein glühendes Stück Schmerz. Halb bewusstlos schließt er beim Schwimmen immer wieder die Augen, ein Mann kurz vor dem Ende. Jedes Zeitgefühl ist ihm verloren gegangen. Da sind nur Wellen, der schwarze Himmel, und die Lichter des Hafens, unendlich weit entfernt.

Coppola.

Desmond beobachtet sich beim Schwimmen, bemerkt mit losgelöster Verwunderung, wie seine Gedanken immer wieder zum Kalabrier zurückkehren.

Hör auf, ermahnt er sich selbst.Du bist Psychologe. Du weißt, dass diese Gedanken nirgendwo hinführen.

Tief in der Seele grinst etwas mit blitzenden Zähnen. Und wen genau versuchst du zum Narren zu halten? Etwa dich selbst?

Ohne große Gegenwehr akzeptiert er das Offensichtliche. Der neue Lebenszweck ist so simpel, dass ein einziges Wort genügt, diesen zu definieren.

Rache.

Desmond ist vertraut mit den Mechanismen, die hinter Wut und Rachegelüsten stehen, und das Wissen ändert rein gar nichts an der erhabenen Reinheit, an der Macht des Gefühls. Natürlich ist da eine Basis von Angst und Liebe, die ihn antreibt, Jean zu suchen, zu retten, ein neues Leben mit ihr zu beginnen. Doch gleichzeitig fühlt er, dass die wahre Kraft aus dem urwüchsigen Trieb stammt, das Böse in seinem Leben zu bekämpfen, zu vernichten.

Das bist nicht du,versucht es sein Verstand ein letztes Mal. Du wurdest traumatisiert. Du bist kein Killer!

Doch, das bist du, flüstert die andere Stimme, kalt und selbstsicher. Dein neues Ich. Dein wahres Ich.

Etwas berührt Desmond am Bein, und er zuckt zusammen, findet sich in der tobenden Gegenwart des Sturms wieder. Einen Moment lang ist er überzeugt, dass es der Hai ist, der gigantische Hammerhai, der zurückgekommen ist, um ihn zu verschlingen. Doch dann berühren seine Arme weitere Gegenstände.

Treibgut …?

Er hebt den Kopf und sieht, dass sich etwas verändert hat. Er erkennt Masten, die im Wind schaukeln. Sieht die Umrisse der im Hafen vertäuten Schiffskutter und Segelboote. Doch es kommt keine Hoffnung auf. Der Hafen, kaum noch dreihundert Meter entfernt, könnte ebensogut auf dem Mond liegen. Unter dem Schmerz fühlt Desmond seine Arme und Beine nicht mehr, und er nimmt eher kognitiv wahr, dass sie sich überhaupt noch bewegen.

Erst jetzt realisiert er, dass er tatsächlich aufgegeben hat – und mit der Kapitulation kommt eine seltsame, beinahe heitere Gleichmut.

Gleich ist alles vorbei.

Mit nüchterner Distanziertheit überlegt er, wie nahe er dem Hafen kommen wird, bevor er untergeht. Zweihundert Meter? Hundert?

Er schließt die Augen, fühlt, wie seine Arme immer langsamer werden, Windmühlenflügel, die in einer Flaute auslaufen.

Etwas schlägt gegen seinen Kopf, staucht seinen Hals. Erschrocken strampelt Desmond, um sich über Wasser zu halten – und sieht einen blauweißen Fender vor sich, dahinter den hölzernen Rumpf eines Kutters.

Der Hafen … ich hab ihn erreicht!

Kaum noch fähig, seinen Körper zu kontrollieren, kämpft sich Desmond um den Kutter, zum Steg. Oh nein.Der Steg liegt einen halben Meter über dem Meeresspiegel. Unter normalen Umständen wäre es für Desmond ein Leichtes, sich mit einem Klimmzug hochzustemmen, doch jetzt fühlt er, wie seine Kraftreserven aufgebraucht sind. Eine hohe Welle klatscht über seinen Kopf hinweg, und er sinkt, sinkt. Loslassen … einfach loslassen …

Auf einmal sieht er Coppola vor sich. Der Kalabrier trägt ein buntes Hawaii-Hemd und den selbstgefälligen Ausdruck von ultimativem Triumph.

Ich gewinne, Desmond, grinst er. Immer. Und diesmal gehört der Schatz mir …

Neben Coppola steht plötzlich Jean, hohläugig, resigniert, ihr nasses Haar an der Stirn klebend. Ihr gelbes Kleid ist zerfetzt wie bei einer Schiffbrüchigen. Der Kalabrier legt einen Arm um ihre Schulter, berührt wie beiläufig den Ansatz ihrer Brust.

Desmonds Körper beginnt zu zucken. Seine Arme holen aus, bewegen sich in weiten Bögen seitwärts nach hinten. Unter Wasser schwimmt er los, aufs Geratewohl, zum Strand oder ins offene Meer. Seine Ellenbogen berühren etwas Hartes.

Steingeröll …

Mit unkoordinierten Bewegungen schleppt er sich den Steinstrand hoch, fühlt kaum, wie das scharfe Geröll in seine nackte Haut schneidet. Aus dem Augenwinkel sieht er seine Arme zittern, als stünden sie unter Strom – dann bricht er zusammen, schlägt mit dem Kopf auf einen Stein. Wellen strömen über seine Beine, während aus seiner Schläfe Blut sickert.

 

Spinnen haben ihren festen Platz in meinem Leben. Nicht, dass ich die kleinen Krabbeltiere besonders liebe – aber sie sind ein Thema mit viel „Fleisch am Knochen“, sowohl in meinem Ärztealltag (Spinnenphobie ist gar nicht so selten) wie auch in etlichen Gruselromanen und -filmen, in denen Spinnen dank ihres negativen Images eine tragende Rolle spielen. Oder haben Sie Arachnophobia‘ noch nicht gesehen?

Die schwarze Spinne – ein Kindheitstrauma

Persönlich erlebte ich mein erstes Spinnentrauma im zarten Alter von sechs Jahren, als ich bei meiner Großmutter Jeremias Gotthelfs Originalausgabe von „Die schwarze Spinne“ aus dem Jahre 1842 fand und darin herumblätterte. Das Horror-Wesen (siehe Bild), das mich aus den vergilbten Seiten anglotzte, verfolgte mich noch jahrelang in meinen Albträumen.

Charakterdarsteller Gruselliteratur

Evolutionstechnisch lässt sich vermuten, dass wir gelernt haben, bei gewissen Tieren und Insekten instinktiv eher mit einer Phobie zu reagieren, wenn besagte Tiere/Insekten sich über die Jahrtausende als besonders gefährlich erwiesen. Spinnen, Skorpione und Schlangen gehören zu jener Kategorie — einer Kategorie, die man im normalen Leben (vor allem in wärmeren Ländern) durchaus ernst nehmen sollte, und die deshalb in der Gruselliteratur auch ihren festen Platz gefunden hat. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Angst vor Spinnen mitunter um ein epigenetisches Phänomen: eine in den Genen latent gespeicherte Angst (resp. ein gesunder Respekt) wird durch ein bestimmtes Ereignis getriggert (z.B. die aufschreiende Mutter, die soeben eine Spinne im Schlafzimmer entdeckt hat und beinahe austickt).
Im Radio hörte ich kürzlich von einem Experten, einem Arachnologen, dass die über tausend Spinnengattungen in der Schweiz völlig harmlos seien, und nur zwei davon könnten überhaupt beißen (was harmlose ‚Moskito-Stiche‘ hinterlassen würde).

Die Schönheit der Spinne

Doch wie alles auf dieser Welt haben auch Spinnen zwei Seiten — die Spinnen sogar eine wunderschöne, und wenn mir als Kind mehr solch hübsche Spinnen über den Weg gekrabbelt wären, hätte ich die kleinen Biester wohl schon längst ins Herz geschlossen. Das Video weiter unten soll dazu dienen, eingefleischten Arachnophobikern einen Hauch von Sympathie für unsere wenig geliebten Achtbeiner einzuflößen.

Therapie gefällig?

Übrigens: Spinnenphobie lässt sich bei vielen Menschen in kürzester Zeit z.B. mit EFT (emotional freedom technique) auflösen. Bei einigen meiner KlientInnen gelang dies in weniger als 45 Minuten (zum Vergleich: bei kognitiver Verhaltenstherapie dauert es in der Regel 2-4 Monate …). Falls dir also beim Genuss des Videos warm um die Ohren wird, schau doch mal bei mir vorbei!

Doch zuvor noch etwas fürs Gemüt: Pfauenspinne

 

 

„Was wir auch sehen oder scheinen, ist bloß ein Traum in einem Traum.“

Ein Zitat des ebenso düsteren wie tiefgründigen Edgar Allan Poe. Sind unsere Phantasien und Träume möglicherweise die ultimative Wahrheit? Eine seltsame Frage, natürlich — aber schließlich bin ich (unter anderem) Schriftsteller, und für unsereins gehören seltsame Fragen zum täglich Brot.

Also mal andersrum: hast du schon einmal einen Liebesroman gelesen oder dir einen TV-Thriller reingezogen? In beiden Kategorien gibt es reichlich von dem würzigen Element namens Drama. Im Thriller sowieso, aber auch der Liebesroman/-film muss gespickt sein mit Szenen, in denen die Heldin oder der Held leidet, an seine Grenzen kommt und sein Leben alles andere als cool findet, bis er/sie über sich selbst hinauswächst. Das muss so sein und nicht anders, weil die Story sonst stinklangweilig wäre und wir uns die Abend-Nachrichten angucken müssten, um bezüglich Drama auf unsere Rechnung zu kommen.

Drama. Unheil. Desaster.

Konflikte. Aufregung. Probleme. Offenbar suchen wir alle nach dem brenzligen Stoff, der das Leben ankurbelt, ihm Pfeffer gibt. Es scheint pervers, paradox, und doch liegt der Trieb in der menschlichen Natur. Vielleicht, weil wir aus dem Ganzen etwas lernen, dabei reifen? Geht es nur darum?

Oder sind es doch unsere Neandertaler-Gene, die in uns aufmucken? Hand aufs Herz, als wir noch Jäger und Sammler waren, da konnten wir die Wildsau rauslassen, konnten mit Speeren und Steinen bewaffnet auf die Jagd, ohne zu wissen, ob diesmal das Mammut gewinnt oder wir. Tagtäglich gab’s den Adrenalin-Kick gratis, und es steht ausser Frage, dass wir uns dann am lebendigsten fühlten, wenn wir der Todesgefahr ins gelbe Säbelzahntiger-Auge starrten.

Die Moderen Rundum-Zufrieden-Gesellschaft mit ihrem überversicherten Sorglos-Kuschelpaket hat uns diesen Kick genommen. Gefahren gibt’s praktisch nur noch in unserem Kopf, zum Beispiel dann, wenn wir im Wartezimmer des Arztes auf unsere Diagnose warten. Könnte es also sein, dass sich unsere Jäger-Gene nach der guten alten Zeit des wahren Lebenskampfes zurücksehnen, und die ausgemerzte Gefahr nun im Kopfkino ausleben muss, als auf- und erregende Fiktion?

Nun stell dir vor…

… du kommst an dein Lebensende. Egal, ob es ein Herzinfarkt ist, Krebs, ein Überfall, das abstürzende Flugzeug – der Countdown läuft. Du schreist, weinst, trauerst, haderst, es nützt alles nix: Du stirbst … und erwachst aus einem traumähnlichen Zustand den du Leben nanntest, bis auf einmal ‚wieder da‘, erwachst zu einem völlig neuen (alten? vertrauten?) Bewusstsein und erinnerst dich, dass du dich ganz bewusst auf ein menschliches Leben — dein Leben! — eingelassen hattest wie auf einen spannenden Roman, einen packenden Film, mit allem Drama, was dazugehört!

Es ist nur eine Idee, eine esoterisch-philosophische Spielerei … aber hast du den Gegenbeweis, dass es anders ist?Wahrscheinlich nicht. Und somit bleibt die Frage, ob wir uns das ganze Drama, das wir zuweilen erleben, vielleicht selbst aussuchen.

Irgendwie hätte der Gedanke doch etwas Tröstliches …

 

 

 

Der Patak Blog trägt als Arbeitstitel „Aus der Werkstatt des Schriftstellers“ … und ja, was soll ich sagen, meine Arbeitsstätte ist eine mysteriöse. Ein Ort der wispernden Stille und der langen Schatten.

Was wispert denn da? Und woher die Schatten …?

Jeder Mensch trägt seine Prägung mit sich: die Essenz all dessen, was ihn im Verlauf seines Lebens beeindruckt, in ihm Spuren hinterlässt. Dem Schriftsteller, wen wundert’s, drücken die unzähligen Bücher, die er verschlungen hat, ihren Stempel auf, einen Stempel so individuell wie ein Fingerabdruck. Schaue ich auf meine Bücher-Prägung zurück, so sehe ich hinten in der Werkstätte die Silhouette eines Vogels … ja, ganz dort hinten im Halbdunkel über der Tür, über der blassen Büste der Göttin Pallas, dort hockt ein schwarzer Vogel, ein Rabe, um es genau zu nehmen. Dieser Vogel namens Nevermore (Nimmermehr) begleitet – oder verfolgt? – mich seit gut dreissig Jahren, seit ich ihm in Edgar Allan Poes Gedicht THE RAVEN begegnet bin und mich des Raben langer Schatten nicht mehr loslässt. Dieser Blog Post ist eine Hommage an den Raben, einen der mächtigsten und ominösesten Vögel dieser Welt.

Nimmermehr.

Vermutlich ist es sinnlos, von einem Gedicht zu schwärmen, von dem schon Tausende zuvor schwärmten. Vor allem, wenn einem beim Schwärmen eine Gänsehaut über die Arme kriecht. Aber so wie es unvergessliche Menschen gibt, so gibt es unvergessliche Bücher und Gedichte. Geschichten, die uns erbeben oder in stummer Ehrfurcht erstarren lassen. THE RAVEN ist in dieser Kategorie das eine Gedicht, das mich tief, tief in der Seele erschauern lässt, immer und immer wieder, wie ein unerklärliches Déjà-vu. Und so wie gewisse Menschen stolz auf ihr Geblüt sind, auf ihre Herkunft, so fühle ich mich geehrt, mit dem Geist gewisser Menschen in Kontakt gekommen zu sein. Manchmal denke ich, dass es sich schon dafür gelohnt hat, diesen netten blauen Planeten zu besuchen.

In English, please.

www.PatakBooks.com Schriftsteller Yves Patak Edgar Allan Poe The Raven Des Raben langer Schatten

Das Gedicht, will man ihm die volle Ehre erweisen, ist in Englischer Sprache zu geniessen. Die Übersetzung ist gut, und dennoch ein Sakrileg. Also: in English please. Doch warum nur lesen?

Eine der schönsten Produktionen und Untermalungen muss ich dir ans Herz legen, ein „must-see“: Die Verfilmung des Gedichts durch Trilobite Pictures … und ist es nicht seltsam, dass der Trilobit in meiner frühen Jugendzeit mein Totem, mein magisches Tier war? Hmm!

Wie auch immer … hier das Video Fantastico zu THE RAVEN.

Enjoy!

 

Wussten Sie, dass Introversion größtenteils genetisch veranlagt ist? Oder dass in den USA der extrovertierte Typ lange als normal angesehen wurde, während der introvertierte Mensch als auffälliger Sonderling stigmatisiert wurde?

Und wussten Sie auch, dass man Introvertiertheit mit einem einfachen Test überprüfen kann?

Mit Wattestäbchen und Zitrone

So funktioniert es:

  • Man nehme einen Pipettenfüller, ein Wattestäbchen, einen Faden und konzentrierten Zitronensaft.
  • Binden Sie den Faden um die Mitte des Wattestäbchens und lassen Sie dieses horizontal schweben.
  • Schlucken Sie mehrmals, um den Mund möglichst frei von Speichel zu bekommen. Legen Sie das eine Ende des Wattestäbchens für 20 Sekunden auf die Zunge.
  • Nun träufeln Sie fünf Tropfen Zitronensaft auf die Zunge und legen dann das andere Ende des Wattestäbchens für 20 Sekunden auf die Zunge.

Resultat: Bei Extrovertierten bleibt das Wattestäbchen horizontal. Bei Introvertierten kippt das Stäbchen auf die (zweite) „Zitronenseite“, weil durch die Stimulation durch den Zitronensaft der Speichel massiv angeregt wurde. Faszinierend, oder?

Zwanghaftes Werten

Das Thema Introversion/Extroversion ist stellvertretend für ein wichtiges Über-Thema: unser notorisches Werten. Unser fast zwanghaftes Bedürfnis, alles in gut und schlecht zu unterteilen, in richtig und falsch.

Eigentlich wüssten wir es besser. Eigentlich haben uns tausende von Jahren, die wir mit dem Retrospektoskop betrachtet und zu allen Themen analysiert haben, längst gelehrt, dass wir alle irgendwie verschieden sind. Was dem Homo Judicans (= dem wertenden Menschen) offenbar gar nicht gefällt. Warum wohl werden wir schon in der Schule in Einheitsmuster gezwungen? Warum lernen alle das Gleiche, statt dass wir uns gemäß unseren Neigungen individuell entwickeln dürfen?

Alle wollen wir gleich sein – und gleichzeitig anders.

Wenn die anderen aber anders sind, ist das gar nicht gut, dann muss man sie ausgrenzen oder ins eigene Muster zwingen (siehe auch missionierende Religionen, Kolonialismus, etc).

George Orwells Klassiker Farm der Tiere (Animal Farm) aus dem Jahr 1945 ist diesbezüglich ein wunderbar gepfefferter Augenöffner: Die Schweine, die während der Revolution gegen die Menschen als Rädelsführer fungieren, schreiben in fetten Buchstaben an die Scheunenwand:

ALLE TIERE SIND GLEICH.

Zumindest steht der Satz anfangs so da. Doch bald schon bekommt das Motto der „kommunistisch“ angehauchten Tiere von den Schweinen eine Ergänzung aufgestempelt:

ALLE TIERE SIND GLEICH — ABER MANCHE SIND GLEICHER.

Introvertiert oder extrovertiert. Passiv oder aggressiv. Nachdenklich oder impulsiv. Spritzig oder melancholisch. Ja, wir sind verschieden. Versuchen wir vielleicht krampfhaft, Wasser und Öl zu einer ungeniessbaren Brühe zu vermischen?

Jedenfalls ist die Forschung zur Introvertiertheit für viele Betroffene eine große Erleichterung, sehen sich diese doch endlich mal ‚abgeholt und verstanden‘ statt kritisiert und maßgeregelt.

Den beiliegenden Artikel gibt’s leider nur in Englisch, aber zur Not können Sie ja den Google Translator bemühen… 🙂

Hier zum Original-Artikel von further.net:

Introversion

„Wie oben, so unten“ – das magische Prinzip des Hermes Trismegistos scheint universell gültig zu sein. Yin und Yang, innen und außen – alles widerspiegelt sich.
Wenn ich als Arzt und Lebensberater in der Praxis bin, kommen die Leute zu mir (von außen nach innen). Bin ich als Schriftsteller unterwegs, so muss ich in die Welt hinaus (von innen nach außen). Nun ja, zumindest meine Bücher.

Viele dieser Pilgerreisen führen – willkommen in der Moderne – durch Cyber-Welten. Auf einer dieser Pilgerreisen als Mann der Feder fand ich kürzlich eine Oase, die ich fortan öfters zu besuchen gedenke: SWEEK – eine Plattform, wo Schreibende und LeserInnen sich begegnen und miteinander kommunizieren.

Interaktives Schreiben

War der Beruf des Schriftstellers noch vor nicht allzu langem eine Einbahnstraße, die von Sender zu Empfänger führte, so ist das Schreiben heute eine interaktive Angelegenheit geworden. Auf Sweek können LeserInnen nicht nur meine Storys beschnuppern, sondern auch aktiv bei der Entstehung neuer Werke dabei sein, können Rückmeldungen geben, positive und kritische Feedbacks, die beim Schreiben hilfreich oder gar wegweisend sein können.

Wattpads kleine Schwester

Dabei ist Sweek in gewisser Weise die europäische kleine Schwester von Wattpad, einer viel größeren und älteren Gemeinschaft von Autoren und Lesern.
Doch gerade die Tatsache, dass Sweek viel jünger und kleiner ist als Wattpad hat mich überzeugt, hier mitzumachen: die Plattform bei ihrem Wachstum zu unterstützen und (beinahe) von Anfang an dabei zu sein.
Wer sich also bei Sweek anmeldet, kommt unter anderem in den Genuss einiger Patak Short Storys, die es sonst nirgends zu lesen gibt …
sweek.com

Viele Lebensweisheiten stammen von „früheren“ Menschen, von Weisen, religiösen Führern oder unseren Großeltern (die diese Weisheiten wiederum von jemand anderem übernommen haben).
Immer wieder gibt es auch Menschen der Gegenwart, die weise und nützliche Sachen zusammenfassen.
Kürzlich stolperte ich über die Auflistung des verstobenen John Perry Barlow, dem Songtexte der Rockband Grateful Dead. Spannend, dass ein Kerl aus einer Psychedelic Rock-Band weises und gar spirituelles Zeug rauslässt, oder?
Barlow setzte sich für das freie Internet ein, für Bürgerrechte und Redefreiheit.
Kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag verfasste er seine

Prinzipien erwachsenen Verhaltens

— eine Liste, die aus meiner Sicht manche religiöse Du-sollst-nicht-Pamphlete ersetzen könnte:

1 Sei geduldig. Immer.
2 Keine üble Nachrede: Weise Verantwortung zu, nicht Schuld. Sag nichts über andere, was du ihnen nicht ins Gesicht sagen würdest.
3 Geh nie davon aus, dass die Motive anderer ihnen weniger nobel erscheinen als deine Motive dir.
4 Erweitere deinen Möglichkeitssinn.
5 Belaste dich nicht mit Angelegenheiten, die du tatsächlich nicht ändern kannst.
6 Erwarte von anderen nicht mehr, als du selbst leisten kannst.
7 Halte Unklarheit aus.

8 Lache oft über dich selbst.

9 Kümmere dich darum, was das Richtige ist, und nicht darum, wer Recht hat.
10 Vergiss nie, dass du dich irren könntest – auch wenn du dir sicher bist.
11 Gib Hahnenkämpfe auf.
12 Denk daran, dass dein Leben auch anderen gehört. Riskiere es nicht leichtsinnig.
13 Lüge niemanden an – aus welchem Grund auch immer. (Unterlassungslügen sind manchmal erlaubt.)
14 Erkenne und respektiere die Bedürfnisse der Menschen um dich herum.

15 Vermeide die Suche nach dem Glück. Versuche dein Ziel zu definieren und verfolge es.

16 Verringere deinen Gebrauch des ersten Personalpronomens.
17 Lobe mindestens so oft, wie du tadelst.
18 Gestehe deine Fehler freimütig und frühzeitig ein.
19 Werde der Freude gegenüber weniger misstrauisch.
20 Verstehe Demut.
21 Denk daran, dass Liebe alles vergibt.
22 Pflege Würde.
23 Lebe denkwürdig.
24 Liebe dich.
25 Bleibe beharrlich.

Schön. Einfach schön. Oder?

Wie bereits erwähnt, tummle ich mich seit ein paar Wochen auf der Plattform SWEEK herum, wo LeserInnen und AutorInnen sich begegnen.
Auf jener Plattform gibt es immer wieder auch Wettbewerbe, und eine der Kategorien ist die Mikro-Story: man erhält ein Schlüsselwort, zu dem man eine superkurze Geschichte von maximal 250 Wörtern schreiben soll.

250 Wörter sind wenig. Sehr, sehr wenig.

Nicht umsonst sagte Winston Churchill, einer der größten Rhetoriker des 20. Jahrhunderts:

“I’m going to make a long speech because I’ve not had the time to prepare a short one.”

(„Ich werde eine lange Rede halten, weil ich die Zeit nicht hatte, eine kurze vorzubereiten.“)

In diesem Monat ist das Sweek#Mikro-Schlüsselwort BRIEF. Lesen Sie hier, was für ein weltveränderndes Potential ein Brief haben kann …

 

DER BRIEF

Yves Patak

Sweek#MikroBrief

Ein Klopfen an der Tür. Rabbi Mordecai schaut von der Tora auf und sieht Isaac hereinkommen.
„Isaac!“ Der Rabbi studiert das gerötete Gesicht des jungen Gabbai. „Hast du —“
„Wir haben ihn, Rabbi!“
Mit glühenden Augen überreicht ihm Isaac einen Brief. Schweigend dreht der Rabbi den aufgeschlitzten Umschlag hin und her, studiert das Siegel.
„Und hier habt die Authentizität überprüft?“
Isaac nickt. „Professor Shafirov und zwei Graphologen haben ihn überprüft. Er ist echt.“
„Haben die drei — “
„ — die Geheimhaltungsverpflichtung unterschrieben? Natürlich.“
„Gut, Isaac. Lass mich jetzt allein.“
Die Tür klickt zu. Der Rabbi setzt seine Lesebrille auf. Studiert die eine, in Druckschrift geschriebene Zeile.

DEM JÜDISCHEN VOLK.

Vorsichtig zieht er den Brief hervor und liest.
Großer Gott …
In seiner ungeduldigen, nach vorn geneigten Schrift bietet Adolf Hitler dem jüdischen Volk seine förmliche Entschuldigung an.
„Ich habe mich in eine Idee verrannt“, schreibt der Führer. „Mir schien, es wäre mein Lebenszweck, dem Übermenschen den Weg zu bahnen in eine bessere Welt. Jetzt, nur Stunden vor meinem Tod, erkenne ich, dass der Gedanke Wahnsinn ist.“
Fasziniert betrachtet der Rabbi die geschwungene Unterschrift.
Das eine Dokument.
Der eine Beweis, dass Hitler in seinen letzten Momenten zur Einsicht kam.
Zu einem Menschen wurde.
Der Brief würde der Welt beweisen, dass selbst Hitler Gefühle hatte. Dass er erkannte, wie fehlgeleitet seine teuflische Ideologie war.
Die Welt würde dem Führer nie ganz verzeihen. Aber ihn vielleicht verstehen.
Langsam, genüsslich, zerreißt der Rabbi den Brief.

 

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Chaos: „Ein Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung, und damit der Gegenbegriff zu Kosmos, dem griechischen Begriff für die (Welt-)Ordnung.“

Ich habe ihn schon mehrfach erwähnt: meinen ehemaligen Hypnose-Mentor Dr. Gary Bruno Schmid, Herrscher über die Quantenphysik, über Chaos und Ordnung. Ein Mann, der ein herrlich übergreifendes Wissen aufweist und im folgenden Artikel die erste Rubrik schreibt. Gary ist ein eingefleischter Anti-Esoteriker, und dennoch berichtet er mit seinen „Klick-Phänomenen“ von Ereignissen, die früher klar in die Eso-Kiste verbannt wurden, über Begebenheiten, die eher magisch wirken als wissenschaftlich. Doch Gary ist nicht nur Psychologe und Hypnosetherapeut, sondern auch ein Quantenphysiker, und somit weiss er, von was er spricht.

Die neblige Zone zwischen Wissenschaft und Unerklärlichem

Im folgenden Artikel befassen sich Fachleute ganz verschiedener Disziplinen mit dem Thema Chaos und Ordnung, und sie alle betreten die neblige Zone zwischen Wissenschaft und dem Unerklärlichen: ein Psychologe, ein Dirigent, ein Physiker, ein Biologe und eine Philosophin. Lassen Sie sich inspirieren!

Chaos 

Gewisse Dinge verfolgen einen über Jahre. Bei mir sind es meine alten Geschichten. Denn während die einen ratzfatz aus der Feder fliessen und von A bis Z stimmig sind, gären andere vor sich hin, warten auf Veränderung, auf Evolution, auf ein alternatives Ende – oder auf eine Fortsetzung.
So geschehen bei meinem Thriller „Der Screener“. Viele Jahre nach den ersten Zeilen erscheint nun eine komplett überarbeitete Fassung, die als „Teil 1“ die Basis für eine Fortsetzung bildet.

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Nachwort und Neubeginn

Was zum Geier führt dazu, dass ein fertiger Roman sich quasi selbst neu erfinden musste? In meinem Nachwort zu „Der Screener Teil 1“ habe ich zusammengefasst, wo des Pudels Kern lag:

Als ich im Jahr 2010 die ersten Zeilen zu meinem Thriller ‚Der Screener‘ schrieb, war das Ziel der Reise – wie bei Heldenreisen üblich – unklar. Im Verlauf meldeten sich die Protagonisten zu Wort, flüsterten mir zu, wie die Geschichte sich zu entwickeln habe – so, wie ich es von früher her kenne.

Als Geschichtenerzähler glaubt man oft, etwas zu erfinden, und plötzlich ist sie da, die Eigendynamik: Der Schriftsteller wird zum Sekretär seiner Kreaturen, die ihm diktieren, wie es weitergehen soll. Und da jede dieser Figuren ihre eigene Meinung hat, geht es dabei oft alles andere als friedlich zu.

Dann, kurz vor Vollendung des Romans, geschah das Schreckliche: Meine Romanfiguren ließen mich im Stich. Da saß ich nun mit gut fünfhundert Thriller-Seiten und redete mir ein, dass die Geschichte zu einem Ende kommen muss. Da dieses aber so unklar war, so nebulös, musste das Showdown umso dramatischer werden, um von meiner Planlosigkeit abzulenken. Ein fataler Fehler, wie ich feststellen musste. Bei einem Roman muss der Anfang und das Ende perfekt sein. Alpha und Omega. Punkt.

Der Muse kalte Schulter

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Doch mein Omega hinkte. Entsprechend waren die Kritiken zum Gesamtwerk fast durchwegs positiv, während die Meinungen zur Endszene verdientermaßen kritisch waren.

Dann, vor einem Jahr, kam die Erleuchtung. Spät, aber immerhin. Die Erkenntnis war einfach, eigentlich banal: Es konnte keinen passenden Schluss geben, weil der Roman noch gar nicht zu Ende gehen sollte!

Die Einsicht war der Funke, der die kreative Zündschnur wieder zum Brennen brachte. Meine Romanfiguren schlichen sich auf Zehenspitzen in mein Zimmer, flüsterten mir ihre Ideen zu, wie es weitergehen sollte. Eine jener Figuren war besonders überzeugend. Michael ‚Die Flamme‘ Coppola, Kredithai und Drogenbaron der Upper West Side, verlangte von mir, ihn von den Toten auferstehen zu lassen. In der Stille der Nacht raunte er mir zu: „Wir sind noch nicht fertig miteinander.“

Es ist unklug, einem psychopathischen Mafioso mit Flammenwerfer-Fetisch zu widersprechen. Und so sitze ich wieder an meinem Laptop und schreibe. Denn die Reise ist nicht zu Ende.

Sie hat eben erst begonnen …

Gewinne das eBook zu „Der Screener Teil 1„!

Wer aktiv beim letzten Schliff mithelfen will, ist herzlich willkommen. Demnächst findet eine Leserunde zum Roman bei LovelyBooks statt, einem der grössten sozialen Büchernetzwerke Deutschlands. Mitmachen ist ganz einfach: schreibt mir auf ypatak@bluewin.ch, und ich lade euch zur Leserunde ein. Ihr bewertet den Thriller (und sucht dabei als Detektive nach Denk- und Schreibfehlern), schreibt eine Rezension, und dafür gibt’s ein Gratis-Buch (eBook oder Taschenbuch, dies entscheidet das Los). 

 

„Ich glaube.“

Ein geläufiger und ziemlich alltäglicher Satz, wenn ich sage, „ich glaube, wir haben keine Milch mehr im Kühlschrank.“
Doch sobald der Satz im Zusammenhang mit Religiosität steht, mit irgendeinem Gottesglauben, so wird er zum heiligen Satz, zum magischen Satz — und, wie mir scheint, zum Persilschein für jede Stumpfsinnigkeit, die uns in den (Un-)Sinn kommt.

Ich liebe angeregte Streit- und Grundsatzgespräche, solange die Argumente stark sind. Doch sobald jemand mit dem Holzhammer des „ich weiß!“ (= „ich glaube“) zuschlägt, kriege ich Zustände. Oder muss mich auf meine philosophische Ader zurückbesinnen, die da murmelt …

 

Vor 500’000 Jahren kannten wir nur einen Job, und der hieß Überleben. Gott, war das ein stressbefreites Leben, damals in der Höhle! Damals gab und brauchte es noch keine heiligen Schlagwörter wie Fokus, Zen, Achtsamkeitstraining und dergleichen.
Doch der Zeitgeist hat einiges verändert. Heute geht es hauptsächlich um Leistung und Profilierung, weil sonst unser liebes Ego daherkommt und uns einredet, dass wir kleine, wertlose, ungeliebte Würstchen sind, und das kommt nun gar nicht in die Tüte. Dabei gäbe es in unserer zivilisierten Gesellschaft, seit wir den Säbelzahntiger und andere spitzzahnige Bestien ausgemerzt haben, tausend mal weniger reale Gefahren als in der Steinzeit – der grösste Teil unserer Ängste ist reine Fiktion.

Doch es kommt noch schlimmer. Nicht nur der Beruf, auch die Partnersuche ist inzwischen leistungsdominiert, und die ausgelutschte Weisheit „sei einfach du selbst“ ist zur Lippenbekenntnis verkümmert. De facto müssen wir cool sein, smart, schnell, charmant, fit, schön, faszinierend, und natürlich brauchen wir das passende Tattoo zum passenden Mercedes.

Multitasking

Leben ist also Leistung. Um etwas zu leisten, müssen wir fokussiert sein. Und hier stolpern wir über die eigenen Füße, nämlich über den verflixten Zeitgeist — denn wir leben im Zeitalter der 1001 Fokusse, in einer Welt der ultimativen Verzettelung, auf Neudeutsch Multitasking.

Dass Multitasking dem Menschen weder liegt noch gut tut, ist längst erwiesen. Diejenigen, die sich auf ihr Hansdampf-in-allen-Gassen-Talent immer noch etwas einbilden, sind hoffnungslose Realitätsflüchtlinge, die sich mit koffeinzittrigen Fingern den eigenen Ast absägen.

Fokus = Zufriedenheit

Fokus heißt das Schlüsselwort, und diesen verschollenen Schatz gilt es zu suchen und – falls wir ihn finden – wie ein Heiligtum zu schützen. Denn er entscheidet nicht nur über unsere Leistungsfähigkeit, sondern auch über unsere längerfristige Zufriedenheit im Leben.
Anbei ein Artikel von Harry Groenert, der es auf den Punkt bringt:
Fokus.

Als Schriftsteller und Hypnosetherapeut bin ich dem Wort sehr nahe, es ist mein Hauptarbeitsinstrument. Für die einen sind Worte Schall und Rauch, für die anderen reine Magie. Interessanterweise steht in der Bibel „Am Anfang war das Wort“ – ein Satz, den ich in der Online-Lutherbibel gleich unter dem Titel „Das Wort ward Fleisch“ fand. Eine Metapher, die darauf hindeutet, dass Worte alles andere als nur Schall sind, sondern eine Energieform, die durchaus ins Physische (ins „Fleisch“) übergreifen kann.

Das Wort als Energieform?

Wie mächtig Worte sein können – im Positiven wie im Negativen, beim Schöpfen wie beim Vernichten – ist inzwischen längst wissenschaftlich bewiesen. Was die Placebo– und Nocebostudien schon lange zeigen, wird hier durch eine weitere Studie belegt.

Ein Sprichwort besagt: „Worte sind gratis. Nur ihre Anwendung könnten dich einiges kosten“ …

Lesen Sie folgende Zeilen dazu: Wort

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Schurken sind die Vitamin-Spritzen des Thriller-Autors. Was die Spannung betrifft,  sind sie das Salz in der Suppe, und so überkommt mich immer wieder das Verlangen, in die Welten der Bösewichte einzutauchen, sie besser kennenzulernen, mich von ihnen inspirieren zu lassen. Einige von ihnen leben in den Dimensionen der Fiktion. Andere wiederum treiben (oder trieben) ihr Unwesen in der realen Welt.

Der bekanntest Blutsauger der Welt

Kürzlich stolperte ich über eines der prominentesten Monster der Menschheitsgeschichte. Jeder hat von ihm gehört. Jeder. Graf Draculas Bekanntheitsgrad ähnelt dem der Coca Cola-Flasche. Doch was genau wissen wir wirklich über ihn? Antwort: Vieles. Sehr, sehr Vieles. Und nicht immer werden wir dem Woiwoden gerecht.

Eine Vorliebe fürs Pfählen

Vlad III., genannt Drăculea, auch genannt Țepeș  (= der Pfähler), war wahrscheinlich kein Vampir. Ob er ein Monster war, darüber lässt sich streiten. Klar, er hatte eine Vorliebe fürs Pfählen, eine ziemlich unschöne Foltermethode, bei der man den Verurteilten nackt auf einen eingefetteten Holzpfahl setzte, so dass sich dieser ganz langsam durch den Körper bohrte … unschön! Übrigens interessant, dass man „echten Vampiren“, um sie zu töten, einen Holzpfahl durchs Herz stossen soll … eine verschleierte Rachephantasie an Vlad III.?

Doch eigentlich war Vlad III. ein Kriegsheld. Sein Widerstand gegen das Osmanische Reich war ebenso beispiellos wie seine legendäre Grausamkeit, die den irischen Schriftsteller Bram Stoker vermutlich zu seinem Roman ‚Dracula‘ inspirierte.

Es gibt aber eine mögliche Erklärung für Vlads Blutdurst. Sein Vater, Vlad II., geriet durch den osmanischen Sultan Murad II. unter einen solchen Druck, dass er sich ihm unterwarf und ihm seine beiden Söhne Vlad und Radu als Faustpfand übergab. Na hallo, welcher Vater tut schon so was?

Geißel der Osmanen

Aufgrund Vlads dickköpfigem und störrischem Verhalten soll der Knabe oft ausgepeitscht (und wohl auch sonst gequält) worden sein: die perfekte Basis für eine Posttraumatische Belastungsstörung! Und ja, Vlad lernte in der osmanischen Gefangenschaft nicht nur Türkisch, sondern auch die Kunst des Pfählens … was beides noch ein Nachspiel haben sollte (siehe unten).

Über abenteuerliche Umwege wurde Vlad III. schließlich zum Machthaber des Fürstentums Walachei, und seine Vorliebe für brutale Folter und Hinrichtungen sprach sich bald herum – was in der damaligen, unglaublich gewalttätigen Zeit die Vlads Machtposition stärkte.

Vor den Städten entstanden ganze Wälder von Pfählen, auf denen tausende von Leichen verwesten – eine hocheffiziente Abschreckung gegen Feinde, Diebe, Lügner und Mörder. Vlads brutale Strenge bewährte sich in jener chaotischen Zeit, und unter seiner eisernen Hand sank die Kriminalität und Korruption gewaltig. Viele Untertanen verehrten Vlad III. für sein unerbittliches Beharren auf Recht und Ordnung.

Als die Osmanen zu einer immer größeren Bedrohung wurden, war Vlad der Einzige, der es mit dem Feind aufnahm. Strategisch schlau schlug er eine tausend Mann starke osmanische Truppe in einer engen Schlucht, um kurz darauf mit seiner eigenen Arme in türkischer Verkleidung zu einer feindlichen Festung vorzurücken, wo er in türkischer Sprache befahl, die Tore zu öffnen. Die List gelang, und Vlads Truppen zerstörten die osmanische Festung.

Guerilla-Krieger und Erfinder der Bio-Waffen

Der weitere Kriegsverlauf liest sich wie ein brutaler Thriller. Da die Türken zahlenmäßig weit überlegen waren, griff Vlad zu Guerillataktiken, attackierte den Feind aus dem Hinterhalt, hinterließ bei seinem Rückzug nur verbrannte Erde, vergiftete Gewässer, und schickte sogar Tuberkulose-, Lepra- und Pestkranke in die Feldlager der Türken – womit Vlad der Erfinder der biologischen Kriegsführung war.

Fazit: Es ist gut möglich, dass Vlad III. durch die Kombination eines Lebens in einer unglaublich kriegerischen und brutalen Epoche und seiner eigenen traumatischen Erlebnisse als Geißel der Osmanen zu jener Bestie wurde, die man in den Geschichtsbüchern findet. Jedenfalls waren die damaligen Zeiten nichts für Weicheier, und vielleicht war Gnadenlosigkeit der einzige Weg, zu überleben oder gar das eigene Volk vor der Versklavung zu retten. Was wiederum darauf hindeutet, dass Bösewichte und Schurken nicht einfach böse sind und damit Basta: es steckt stets eine Geschichte dahinter!

Übrigens hat Vlad Țepeș, der Blutsauger aus Transylvanien, einen indirekten Gastauftritt in meinem Mystery Thriller ACE DRILLER — wo weitere prickelnde Details zum bekanntesten Pfähler der Welt aufgedeckt werden …

 

 

 

😎 Ihr Lieblingslied hat mit grösster Wahrscheinlichkeit einen Bezug zu einem emotional wichtigen Ereignis. Quelle.

😎 Musik beeinflusst nicht nur unser Empfinden, sondern damit auch unsere Perspektive (und damit wiederum z.B. unser Urteil zu einer bestimmten Situation). Dies wurde in einer Studie an der Universität von Groningen nachgewiesen. Quelle.

😎 Je mehr wir für andere ausgeben, desto glücklicher sind wir. Was Grosszügigkeit von einem ungeliebten sozialen Muss zu einer befriedigenden Eigenschaft machen sollte. Quelle.

😎 Geld in Erlebnisse zu stecken bringt deutlich mehr Befriedigung als Geld in Materie zu investieren. Statt Dinge sollten wir also lieber Erinnerungen sammeln. Quelle.

😎 Die heutigen Kinder sind angespannter und neurotischer als der durchschnittliche Insasse einer psychiatrischen Anstalt in den 50er-Jahren. Was ziemlich beängstigend, aber nicht wirklich überraschend ist. Wenn man sich umsieht, bemerkt man schon bald, dass die Hälfte der Menschheit an Ängsten oder Depressionen leidet oder substanzenabhängig ist. Quelle.

😎 Gewisse religiöse Praktiken vermindern Stress. Das “American Psychiatric Publishing Textbook of Mood Disorders“ zeigt, dass Menschen, die regelmässig meditieren oder beten weniger gestresst sind. Quelle.

Geld macht glücklich!

😎 Geld macht glücklich – aber nur bis zur magischen Marke von 75’000 Dollar pro Jahr.
Für den durchschnittlichen Amerikaner trägt ein Verdienst von 75’000 Dollar jährlich deutlich zum Lebensglück bei, weil es von der Last der Armut befreit und einem ein gutes Stück Freiheit schenkt. Höhere Verdienste bringen noch mehr Freiheit, machen aber offenbar nicht zwangsläufig glücklicher. Quelle.

😎 Wenn wir uns mit glücklichen Menschen umgeben, macht uns das selbst auch glücklicher.
Nicht besonders überraschend, aber vielleicht eine kleine Erinnerung an die Lebensweisheit: Umgib dich mit Menschen, die dir wirklich wichtig sind und gut tun. Alles andere sind Energiefresser. Quelle.

😎 18-33jährige sind die gestresstesten Menschen auf dem Planeten. Alles ist im Umbruch oder im Aufbau: Beziehungen, Familie, Bildung, Job … der Steady State, das Gleichgewicht des Lebens, kommt erst nach dieser angespannten Phase. Quelle.

😎 Sich selbst überzeugen, man habe gut geschlafen, wirkt. Man fühlt mehr Energie, fühlt sich erholt – weshalb man diese Methode den Plazebo-Schlaf nennt. Quelle.

Kluge Menschen unterschätzen sich

😎 Kluge Menschen unterschätzen sich selbst, während dumme Menschen oft glauben, sie wären brillant. Man nennt dies den Dunning Kruger-Effekt. Es handelt sich um eine erkenntnismässige Einseitigkeit resp. Voreingenommenheit: Hochbegabte Menschen nehmen an, dass Dinge, die ihnen leicht fallen, allen anderen ebenfalls leicht fallen — während Minderbegabte so beschränkt sind, dass sie ihre eigene Dummheit nicht erkennen können. Quelle.

😎 Wenn wir uns an etwas Vergangenes erinnern, erinnern wir uns in Wahrheit an das letzte Mal, als wir die Erinnerung abriefen.
Was bedeutet, dass unsere Erinnerungen höchst fehleranfällig sind. Wie in einer menschlichen Telefonkette, bei der jeder dem Nächsten etwas ins Ohr weiterflüstert, wird der (resp. die Erinnerung) bei jedem Mal weiter verzerrt. Quelle.

😎 Unsere Entscheidungen sind rationaler, wenn wir sie in einer Fremdsprache denken.
Eine Studie an der Universität von Chicago zeigte, dass Koreanische Staatsbürger, die in einer Fremdsprache über etwas nachdachten, ihre Vorurteile oder Befangenheit deutlich reduzieren konnten. Quelle.

😎 Wenn wir unsere Ziele aussprechen, ist die Chance geringer, dass wir sie erreichen.
Seit 1930 wurde in Versuchen mehrfach bewiesen, dass wir besser fahren, wenn wir unsere Ziele für uns behalten, bis wir sie wirklich anpacken oder erreicht haben. Quelle.