Yves Patak

„Als ich geboren wurde, war gerade niemand zu Hause …“

So lautete ein geflügeltes Wort in unserer Familie, weiss der Cyberspace, wo es herstammt. Der Sinnspruch trägt den Humor in sich, den ich in meiner Familie als Kind geniessen durfte – vielleicht aber auch die mir vorgelegte Spur, viel, viel Zeit mit mir allein zu verbringen.

Die Welt des Schriftstellers, sagt man, ist einsam. In Wahrheit ist man nie wirklich alleine, während man als Schreibender in mysteriöse, für andere unsichtbare Welten eintaucht. Die Dimensionen sind unzählig und atemberaubend, und oft weiss man nicht genau, wo man landen wird. Einige Welten sind sonnig und wonnig, andere lehrreich, wieder andere schlicht erschreckend. Dabei unterscheide man stets zwischen dem prickelnd-erregenden Schrecken und dem absoluten Grauen.

Meine Vorliebe für das Schaurige habe ich schon früh gefunden. Mit sechs Jahren zeichnete ich Vampire, Skelette und Selbstmordmaschinerien. Mit zehn las ich bei meiner Grossmutter die herrlich fiesen Bildergeschichten von Wilhelm Busch, was mich zu ersten Gedichten inspirierte. Der nächste Meilenstein war Christian Morgenstern mit seinen Galgenliedern, die mir die Welt des Paradoxen und des Bizarren eröffneten.

Dann traten Edgar Allan Poe und Stephen King in mein Leben, und mein Schicksal als Gruselautor war besiegelt. Ob die beiden Meister des Makabren mich beeinflussten oder schlicht das in mir weckten, was da bereits in den Genen schlummerte, bleibt mein Geheimnis.

Angst und Spannung, erscheint es mir – in gesunder Dosis genossen! – bereichern die menschliche Emotionspalette genauso sehr wie Liebe, Sehnsucht, Wut und Melancholie.

Wenn es um menschliche Gefühle geht, halte ich mich – als Schriftsteller wie als Arzt – an die unsterbliche Maxime des Theophrastus Bombastus von Hohenheim, bekannt als Paracelsus: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

Bücher zu lesen und zu schreiben ist wie Kochen: man probiert neue, exotische, verführerische und anregende Rezepte aus, indem man das Bekannte mit dem Unbekannten, das Altbewährte mit dem Exotischen vermischt.

Unzählige Male wurde ich gefragt, wie ich meine menschenfreundliche Art als Arzt mit meiner düsteren Ader als Schriftsteller unter einen Hut bringe.

Ganz einfach: Ich sehe mich als modernen Dr. Jekyll-und-Mister-Hyde: Tagsüber arbeite ich mit Herz und Seele als psychologischer Berater und Hypnosetherapeut, während ich nachts die düsteren Seiten der menschlichen Seele beleuchte, das Unheimliche zwischen den Dimensionen.

Ich gehe davon aus, dass alles einen Sinn hat. Jede Neigung, jedes Talent, jede schlummernde Entwicklung will gelebt werden. Und so möchte ich diese Zeilen mit den Worten Christian Morgensterns abschliessen:

„Laß die Moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln!
Laß das Tüfteln, laß das Hobeln,
heilig halte die Ekstasen!“