Ist der Schriftsteller Schöpfer oder nur ein Sprachrohr seiner Muse? Darüber scheiden sich die Geister. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte. Doch ohne Zweifel ist es eine erschütternde Erfahrung, etwas zu kreieren – und plötzlich vor einer Kreatur zu stehen, die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

Da sitzt man am Laptop, versinkt in fremde Dimension, in jene Welten, die man sich gerade ausdenkt, die man zu bewusst zu kreieren glaubt  – und dann geschieht es.

Etwas gerät ausser Kontrolle.

Plötzlich stehen wir mit weit aufgerissenen Augen da, als hätten wir soeben einen Autounfall miterlebt. Genau so fühlte ich mich, als ich eine Szene in meinem ersten Thriller ‚The Healer‘ (zur Zeit in Revision) schrieb. In Al Qatrun, einem Kaff mitten in der libyschen Wüste, wird Sharan, ein Mädchen mit einem übernatürlichen Talent, Opfer einer Hexenjagd. Das Drama spitzt sic zu, und die (nicht besonders liebevolle) Mutter der Heldin raunt dem Vater zu, dass es besser wäre, die kleine Sharan zu töten, bevor die abergläubische Meute der Dorfbewohner die ganze Familie lyncht.

„Töte unsere Tochter!“

Man halte kurz inne. Versetze sich in die Haut Vaters. Seine Ehefrau – kann man es fassen? – fordert ihn auf, die eigene Tochter vorsorglich zu ermorden! Wut erfasst ihn. Das Blut kocht ihm in den Adern. Er hebt die Hand, verpasst der feigen, herzlosen Ehefrau eine vernichtende Ohrfeige. Sie stürzt, spuckt zwei Zähne aus, wischt sich das Blut vom Gesicht, starrt schockiert zu ihrem Ehemann empor …

Ich schrecke aus meiner Schreib-Trance hoch. Sehe die Frau mit dem blutigen Gesicht auf dem harten Boden liegen. Habe ich das geschrieben? Habe ich ihr das angetan? Natürlich. Natürlich nicht. Es … es floss einfach durch mich hindurch. Ich fühlte die hilflose Wut des Vaters. Fühlte meine eigene Überforderung, mit einer Situation umgehen zu müssen, die es nie hätte geben dürfen. Fühlte den unerwarteten Hass auf eine Ehefrau, die sich schon seit Jahren von mir entfremdet hat.

Doch jetzt, wo sie so jämmerlich und fassungslos auf dem Boden liegt, fühle ich … was? Mitleid? Ein schlechtes Gewissen?

Ich fühle mich beobachtet. Fühle die verurteilenden Blicke meiner Leser, die ich eben noch gar nicht wahrgenommen hatte. Doch jetzt sind sie da, stehen um die Frau herum, murmelnd, tuschelnd. Vorwurfsvolle Blicke streifen mich.

Weg, hinweg mit euch! Ich setze mich an den Laptop und lösche die ganze Szene. Schreibe sie neu. Der Inhalt ist ähnlich. Die Ohrfeige verdient. Aber sie ist etwas schwächer. Etwas … stimmiger. Es gibt kein Blut. (Nicht hier, nicht jetzt – davon gibt’s im Rest des Romans noch genug). Der Vater hat wortlos erklärt, was er von der heimtückischen Viper, die er Ehefrau nennt, hält. Er dreht ihr den Rücken zu und geht. Er hat einen Plan. Heute Nacht noch wird er mit Sharan durch die Wüste fliehen.

Immer noch sitzt mir  der Schreck in den Knochen, meine Wangen sind warm von der Scham. Wie konnte ich so brutal sein? War das überhaupt ich?

Es ist einer jener M0mente, in dem man versteht, wie falsch die LeserInnen oft liegen, wenn sie denken, dass der Schriftsteller seine Worte genau plant. Dass alles einer Absicht entspricht. So ist es nicht, nicht immer zumindest. Etwas geschieht. Etwas gerät ausser Kontrolle.

„Dämonen existieren. Basta.“

Es grenzt an Besessenheit, aber dieser Mystery Thriller verlangte einfach danach, geschrieben zu werden. Schrägerweise liegt der Ursprung nicht zuletzt in meiner Tätigkeit als Arzt und psychologischer Berater. Gewisse psychische Störungen, die ich in der Praxis sehe, zeigen Aspekte dessen, was man im Mittelalter Besessenheit genannt hätte. Die moderne Medizin und der Zeitgeist lehren uns natürlich, dass Dämonen und Besessenheit Mumpitz und Aberglaube sind, Gott sei Dank …

Doch wissen wir das wirklich? Es gibt keine Beweise, dass es Dämonen gibt. Ebensowenig, dass es sie nicht gibt. „Absence of evidence is no evidence of absence“, wie man wissenschaftlich-trocken bemerken darf.

Also … was wäre, wenn es diese fiesen, meist unsichtbaren Monster tatsächlich gäbe? Wenn wir bloss verlernt hätten, sie zu erkennen, weil wir lieber an fehlgeleitete Neurotransmitter und Ähnliches glauben? Wer von uns hat sich denn noch nie geirrt? Und gibt es nicht gar Menschen, die ihren Irrtümern zum Opfer fallen …?

Damit war der Pakt besiegelt. Der Roman Ace Driller musste geschrieben werden, drängte mich dazu, Türen zu öffnen, hinter denen Dinge lauern, denen wir nicht begegnen möchten. Der Roman ist vollendet, soll nun in die Welt hinaus – aber in kleinen Portionen. Um meine geschätzten LeserInnen langsam auf das Unsagbare vorzubereiten. Denn zu viel auf einmal kann traumatisch sein. Verstörend. Deshalb erscheint ACE DRILLER vorerst exklusiv als Kindle-Serial in sechs Bänden.

Weltbild … was für ein Weltbild?

Mein Tipp: Genieße dein bisheriges Weltbild. Nur noch ein paar Tage. Glaube fest daran, dass die Erde im Wesentlichen ein guter Ort ist. Halte an deinen Illusionen fest. Denn schon sehr bald werden diese in ihren Grundfesten erschüttert.

Ace Driller Prometheus-Gen Dämonen MAD-Liga Yves Patak Mystery Thriller

Keine Sorge, du bist nicht allein. Auch Ace Driller, die Hauptfigur des Romans, muss erstmal tief durchatmen. Dem taffen Ex-Cop aus Brooklyn vergehen nämlich Sehen und Hören, als er hinter die Kulisse der vermeintlich normalen Welt sieht. Als er erkennen muss, dass nichts ist, wie es scheint – und dass hinter dem dünnen Schleier der sogenannten Realität Monster lauern.

„Dämonen … seriously?!“

Lass dich ein auf eine Reise nach New York City, nach Rom, in das Schweizer Gebirge und in die Schattenwelten dahinter. Vergiss alles, was du zu wissen glaubtest. Denn du liegst falsch.

Die Zeit der heilen Welt ist vorbei.

Willkommen auf der anderen Seite …

ACE DRILLER

 

„Möge jeder, der es verdient, in Frieden ruhen.“

Ein Satz, der mir spontan durch den Sinn kam. Vielleicht hatte ich dabei ein bestimmtes Bild im Kopf? Ja … die Grabsteine vor dem Geisterhaus im Disneyland, der Haunted Mansion. Dort liegt ein Friedhof mit windschiefen Grabsteinen, auf jedem Stein ein flotter Spruch. Fiese, lustige, sarkastische Sprüche. Und zwischen den Zeilen etwas Wunderbares, etwas Magisches:

Die Freikarte der Narrenfreiheit.

Flotte Sprüche, unzensierte Worte, schonungslose Zitate sind die Gewürze der Lebensküche. Doch in manch einer Küche herrscht statt kreativer Freiheit ein striktes Verbot für gewisse Ingredienzen. So wie der Veganer, Lactoseintolerante und Zöliakie-Betroffene gewisse Dinge schlicht nicht verträgt, so verbannen viele Menschen Elemente wie Sarkasmus, Ironie, Ehrlichkeit (!) und schwarzen Humor konsequent aus ihrem Leben. (Die Hoffnung, dass sowas klappen könnte, stirbt zuletzt).

Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.comAls Arzt und Coach gehe ich gesellschaftliche Kompromisse ein, akzeptiere die meisten Spielregeln, die sich im therapeutischen Setting eingebürgert haben. Als Schriftsteller jedoch möchte ich meine inneren ‚Personae‘ leben, möchte meinem Panoptikum meiner inneren Charaktere die Erlaubnis geben, sich auszutoben. Alles andere wäre ein Freipass in die Langeweile, in das Antonym eines kreativen Lebens.

„Er hat das gesagt, nicht ich!“

Yves Patak www.PatakBooks.com SchriftstellerWas im Alltag (- das Ego lässt grüssen -) unerwünscht und problematisch scheint, ist der Stoff, der Bücher und Blogs aufpeppt. Mal ehrlich? Ich finde es herrlich, wie man sich als Schriftsteller hinter den eigenen Figuren verstecken  und sagen kann: „Er hat das gesagt, nicht ich!“

Der Schriftsteller als Puppenspieler

Vielleicht ist das feige. Man könnte auch sagen, dass der Schriftsteller der Puppenspieler ist, der seinen Figuren Worte in den Mund legen darf und soll. Oder, biblisch interpretiert, ist er der Schöpfer, der seinen Kreaturen den freien Willen mit auf den Weg gegeben hat – was ihn von jeder Verantwortung gegenüber seinen Geschöpfen und deren Aussagen entbindet.  Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.com

Wie auch immer: Hoch fliege die Fahne der dichterischen Freiheit. Die Narrenfreiheit des Schreiberlings, der hinter seiner Schreibmaschine hervorgrinst und der Welt den Eulenspiegel vorhält.

Und wenn ihr was dagegen habt … fangt mich doch!

I am the Doorway. So heißt eine Kurzgeschichte von Stephen King, die ein Symbol auf den Punkt, das jeden kreativen Prozess mitdefiniert. Das Tor zu anderen Welten.

Okay, ich gebe es zu: Ich habe eine gewisse Besessenheit, was Tore anbelangt. Einen Spleen, was Türen betrifft. Vor allem geschlossene. Denn hinter jeder Tür wartet etwas. Etwas, das mir zuflüstert, die Tür zu öffnen.

Fast noch unwiderstehlicher sind Schlüssellöcher. Echte und virtuelle. Weil weniger oft mehr ist. Das Rundherum, das Abschliessende, bringt das Ziel erst richtig in den Fokus, verleiht ihm Schärfe. Wer will im Theater denn wirklich hinter die Kulisse sehen? Schliesslich soll die Magie unser Blickpunkt bleiben, nicht das seelenlose Räderwerk rundherum.

Weniger ist mehr.

Eine geschlossene Tür kann die Phantasie weit mehr anregen als eine offene, ein Schlüsselloch geheimnisvoller sein als ein Kuriositätenkabinett. Genau wie eine Frau, die wenig Haut zeigt, oft reizvoller ist als jene verzweifelten Kreaturen, die gleich alle nackten Fakten auf den Tisch legen müssen. So, wie sich die Erotik der Fünfzigerjahre (Marylin Monroe) vom nüchternem Marketing-Sex (Miley Cirus, Paris Hilton) der Neuzeit unterscheidet, so deutlich ist der Unterschied zwischen dem magischen, vieles verbergenden Schlüsselloch und dem kühlen Rampenlicht des Ego-Zeitalters.

Seit eh und je sind wir vom Unbekannten fasziniert. Obwohl wir Angst haben, treibt uns eine perverse Neugier vorwärts. Und da wir hier sind, das Unbekannte aber dort, brauchen wir ein Tor, das uns dorthin führt – oder zumindest ein Schlüsselloch, um vorerst gefahrlos und heimlich hinüberzuspähen.

Von keiner Reise kommen wir als Dieselben zurück, die wir waren.

Eines meiner liebsten Schlüssellöcher ist und bleibt das Buch. Es schenkt uns Einblicke in die Seelen und Welten unserer (schreibenden) Mitmenschen. Solche Einblicke sind keine reine Unterhaltung. Sie berühren uns. Verändern uns. Denn von keiner Reise kommen wir als Dieselben zurück, die wir waren.

Fragt man mich nach dem Sinn des Lebens, so habe ich keine Antwort (vielleicht bis auf „42„). Wenn ich aber eine Vermutung äussern dürfte, wäre es, dass es in unserem Leben um Entwicklung geht. Entwicklung entsteht durch innere oder äussere Reize. Womit wir die äussere, angeblich „reale“ Welt genau so brauchen wie die virtuellen Welten in unserem Inneren – oder in den parallelen Welten des Multiversums.

Komm mit. Dort drüben im Dunkeln leuchtet etwas. Ich glaube, es ist ein Schlüsselloch …

 

 

 

Als Schriftsteller lässt man sich ständig auf neue Beziehungen ein. Beziehungen zu den eigenen Romangestalten. Egal, ob sie einem sympathisch oder unsympathisch sind, ob Hauptfiguren oder Nebencharaktere – sie alle pochen auf ihr Recht, zu Wort zu kommen, wahrgenommen zu werden. Manchmal sind solche Rendezvous anregend. Manchmal beängstigend.

Kürzlich traf ich mich mit Michael Coppola, dem Bösewicht aus meinem Thriller „Der Screener“ …

YP: Mister Coppola, Sie sind ein Mafioso, ein Sadist, ein eiskalter Psychopath. Was treibt Sie an? Wovon genau kriegen Sie Ihren Kick, ein Monster zu sein?

Coppola (lächelt süffisant): Nenn mich Mike. Das Gespräch hier kann ganz kollegial ablaufen. Als wären wir Freunde.

YP: Freunde?

Coppola: Nun ja, du hast mich erschaffen. Wofür ich mich bedanke. Was aber noch lange nicht heisst, dass du vor mir sicher bist. Und ich bin kein Psychopath. Ich habe einfach ein paar kleine … nun, Besessenheiten.

YP: Ich würde es eher eine soziopathischen Ader nennen.

„Wovon genau kriegst du deinen Kick, ein Monster zu sein?“

Coppola: Hast du Angst vor mir?

YP: Ein wenig, ja.

Coppola: Da ist er.

YP: Wer?

Coppola: Na der Kick, nach dem du gefragt hast! Ist dir bewusst, wie stark, wie mächtig ich mich fühle, wenn ich dich hier über deinen Notizblock gebeugt sehe, während du versuchst, mich unauffällig im Auge zu behalten? Als könnte ich dich jederzeit … anspringen?

YP: Wie ich mich erinnere, wurdest du als Kind von deinem Vater gequält. Ist es denn wirklich so, dass sich die Geschichte immer wiederholen muss? Dass du deine Traumata – statt sie therapieren zu lassen – wie jeder beliebige Psychopath ausagieren musst?

„Ausagieren macht mehr Spass als Therapie …“

Coppola (lächelt): Ausagieren macht mehr Spass als Therapie. Es ist natürlicher, befreiender. Zudem habe ich mehrere Seelenklempner ausprobiert. Keiner konnte mir helfen. Einige waren so schlecht, dass ihr Berufstitel eine reine Anmassung war.

YP: Und diese Psychiater sind nun …

Coppola: Tot? Klar. Und wie du dir denken kannst, hatten sie keinen leichten Abgang.

YP: Ein unschöner Gedanke. Doch bleiben wir beim Thema. Du liebst also das Gefühl der Macht, wenn du über das Leben anderer bestimmst. Mit ihnen tust, was immer dir beliebt. Und die Angst deiner Opfer schenkt dir dieses Machtgefühl.

Coppola: Oh, nicht nur ihre Angst. Auch ihr Schmerz, ihr Respekt, ihre Ehrfurcht, ihre Faszination vor meiner Skrupellosigkeit.

YP: Faszination? Ich folge nicht ganz …

Coppola: Natürlich tust du das. Schau dich doch an. Du bist von mir fasziniert. Gerade jetzt. Und weisst du, warum?

YP: Um des Gespräches willen: Warum?

Coppola: Weil du mich um meine Freiheit beneidest. Um das, was du und deinesgleichen nie haben werdet. Die Freiheit, ohne Gewissensbisse, ohne Angst vor Recht, Moral und Gesetz mein eigenes Ding durchzuziehen. Zu tun und mir zu nehmen, was ich will. Die Freiheit, mich wie ein Gott zu fühlen, ohne mich dafür schämen zu müssen. Wenn das nicht grenzenlose Macht ist!

YP: Vielleicht täuschst du dich. Ich habe dich erschaffen. Genauso leicht kann ich dich vernichten. Sobald ich den zweiten Teil von „Der Screener“ fertiggeschrieben habe, sobald ich ihn veröffentliche … wer weiss, ob du dann noch existierst.

„Die Geschichte ist noch nicht fertiggeschrieben …“

Coppola (lächelt gelassen): Wie ich es sehe, ist der Roman noch nicht fertiggeschrieben. Und ehrlich gesagt habe ich Mühe zu glauben, dass du mich so einfach loslassen kannst. In deinem Roman bin ich das Salz in der Suppe. Der Pfeffer im Gericht. Ich verpasse deiner Story erst die richtige Würze. Und wenn das alles nicht genügen sollte, um mich am Leben zu halten —

YP: Dann was?

Coppola (lässt sein Zippo-Feuerzeug aufschnappen, betrachtet die Flamme): Ich weiss, wo du wohnst …

Es ist paradox. Obwohl ich seit meiner Kindheit gerne Geschichten erfinde und Seemannsgarn spinne, habe ich noch nie ein Tagebuch geführt. Ich korrigiere mich: Während meiner Zeit als Unterassistent in Kingston, Jamaica, kritzelte ich manche Zeile in ein Tagebuch. Eine Premiere und eine ziemlich spezielle Erfahrung, aber offenbar keine, die mich dazu verführte, dem Tagebuch treu zu bleiben. Soviel zum psychologischen Verdauungsprozess durch schreiben.

Und da sitze ich nun vor dem Laptop und schreibe ein Blog. Ein Web-Log. Ein Cyber-Logbuch, in dem man den  Spaziergang über die Rasierklinge riskieren soll: Hochtrabende Tipps und Ratschläge (autsch!) verteilen, oder einen Seelenstriptease bis auf die Knochen wagen. Beides nicht die reizvollsten Gedanken.

Spaziergang über die Rasierklinge

Doch jetzt, wo ich mich auf dieses neue Abenteuer eingelassen habe, findet eine Metamorphose statt. Es ist das seltsame, irgendwie anregende Gefühl, für ein unsichtbares Publikum zu schreiben. Für Menschen, die ganz allmählich aus der virtuellen Wolke auftauchen, sich materialisieren, real werden – und mit mir in Verbindung treten. Und auf einmal geht es um das brutale Thema der Selbsterkenntnis. Bin ich A) ein Strassenkünstler, der sich mit der Violine an eine Strassenecke stellt und versucht, den Saiten ihre schönste Melodie zu entlocken – und plötzlich feststellt, dass ein Publikum seiner Musik lauscht? Oder B) eine jener skurrilen Gestalten, die im Park auf eine Bananenkiste stehen und mit dem Megaphon am Mund den Weltuntergang verkünden?

Jeder findet seine Gruppe

Vielleicht spielt es keine Rolle. Weil jeder seine Gruppe findet. Frei nach dem Prinzip der Resonanz. Womöglich ist es belanglos, dass das Schreiben für ein noch weitgehend unbekanntes Publikum eine Form des Wahnsinns ist. Wie soll man das schon selbst beurteilen? Und wer weiss, vielleicht möchtet ihr mich dennoch begleiten … in Schattenwelten, wo der Wahnsinn schlicht dazugehört. Wo alles passieren kann. Vielleicht teilen wir diese spezifische Neigung.

Nicht jeder tut dies. Menschen, die Liebesromane lesen oder sich den „Förster vom Silberwald“ reinziehen, können diese befremdliche Veranlagung kaum verstehen — das Verlangen, die Gefahr, das Gruselige, das Unnennbare zu suchen. Mit der Kerze in der Hand in den Keller zu schleichen und nachzuschauen, woher das seltsame Klopfen und Flüstern kommt. Doch ein Teil in mir ist überzeugt, dass auch eine solche unerklärliche Veranlagung ihren Sinn hat. Dass viele Menschen das Bedürfnis fühlen, sich mit dem Grauen auseinanderzusetzen. Um es kennenzulernen, und sich – vielleicht – eines Tages mit ihm zu versöhnen. Es als Teil des grossen Ganzen zu akzeptieren, als Aspekt des kosmischen Yin und Yang.

Die Tür steht offen

Meine Metamorphose vom Arzt zum Schriftsteller schreitet fort. Natürlich werde ich auch meine Beratungen, mein Coaching mit Freude fortführen. Aber die andere Stimme ist immer da. Geduldig. Beharrlich. Sie fordert mich auf, immer wieder nach der Kerze zu greifen, in den Keller zu gehen, über knirschende Stufen. Denn dort unten sind Türen. Unendlich viele Türen. Die einen stehen offen. Andere sind Kerkertüren, verriegelt, staubig, abweisend – und unwiderstehlich.

Es ist schön, dass ihr mich ein Stück des Weges begleitet. Denn zusammen sind wir sicherer. Oder zumindest hoffe ich das.

Kommt … die Kellertür steht offen!

 

Feuer!

Manchmal ist es ganz schön gruselig, wenn man einem Psychopathen begegnet. Vor allem, wenn es der „eigene Psychopath“ ist – der, der im eigenen Kopfkino Feuer legt. Michael „Die Flamme“ Coppola ist ein Ungeheuer mit einem traumatischen Hintergrund. Ein Monster, das in der vulkanischen Macht des Feuers ein Ventil gefunden hat. Doch Mike ist nicht ein gewöhnlicher Pyromane, der es liebt, Feuer zu entfachen, sondern ein soziopathischer Sadist, eine ebenso charismatische wie beängstigende Figur – eine Figur, die mir kürzlich zugeflüstert hat, dass mein Thriller „Der Screener“ – entgegen meinem ursprünglichen Plan – nach einer Fortsetzung verlangt. Charmant und unmissverständlich droht mir Mike, dass er mit dem Feuer, mit mir und der Leserschaft noch lange nicht fertig ist.

Ich höre seine Worte und behalte eine Poker-Miene, während Gänsehaut über meinem Rücken prickelt. Kann man einem Psychopathen nein sagen?

„Feuer …!“

Die Frage ist rhetorisch. Und so nicke ich, wohl wissend, dass man Coppola nicht widerspricht. Aber vielleicht kann ich mit ihm verhandeln. Vorsichtig. Diplomatisch. Denn man weiß nie, wie seine Launen sind. Ob er gerade cool ist … oder kurz vor dem Durchbrennen.

Es ist mein Risiko als Schriftsteller, in der Fiktion Gott zu spielen, in den Prozess der Schöpfung einzugreifen, der sich jederzeit gegen mich, den Schöpfer wenden kann. Romanfiguren erwachen zum Leben (siehe auch Stark, the Dark Half, von Stephen King), entwickeln eine Eigendynamik, einen eigenen Charakter und Willen – und nicht immer entspricht dieser Wille dem des Schriftstellers.

Michael Coppola war für mich zunächst nur der Teufel, der überall Feuer legt und meinem Helden das Leben schwer macht. Doch manches hat sich verändert. So wie es aussieht, wird „Der Screener“ nach einer totalen Revision eine Fortsetzung finden, die vor meinem geistigen Auge bereits zum Leben erwacht.

Das war nicht geplant, aber ich kann nicht leugnen, dass in mir ein blutroter Funke von Vorfreude glüht. Ich habe verstanden, warum das Ende des ursprünglichen „Screener“ mich mit Frustration erfüllte. Die Lösung ist so einfach: Es darf noch kein Ende geben. Denn der Thrill hat eben erst begonnen. Und bin gespannt, was Michael „Die Flamme“ Coppola noch mit uns allen vorhat …

Der Patak Blog ist eine Du-Zone. Na und? magst du fragen. Viele Blogs sind Du-Zonen. Warum dies erwähnenswert ist? Weil das Du offenbar nicht überall der Idealfall ist.

In meiner Praxis als psychologischer Berater und Hypnosetherapeut hat es sich oft ergeben, dass ich mit meinen PatientInnen das Heu auf der gleichen Bühne hatte, so dass ein spontanes Du-Setting entstand, auf das ich gern einging. Du. So persönlich, vertraulich, freundschaftlich. Wer hätte gedacht, dass es im therapeutischen Setting ein mieser Verräter sein kann.

Das Du kann ein mieser Verräter sein.

Denn bei vielen dieser therapeutischen Du-Gemeinschaften entstand eine seltsame Alchemie. Das vertrauliche Du förderte das gute Gefühl, die Sympathie, während es die Objektivität, die therapeutische Distanz untergrub. „Therapeutische Distanz“ … was für ein hässlicher Begriff. Wer will zu einem Menschen, dem man helfen will, Distanz aufbauen? Wohl keiner. Aber die Professionalität lehrt es uns, sonst tut es die Erfahrung. Ich erkannte, dass ich mit einigen meiner Du-KlientInnen ins Land der Plaudereien abdriftete. Das therapeutische Ziel verschwand im Nebel, das ärztliche Setting gelangte in Schieflage. Manchmal konnte ich das Schiff wieder auf Kurs bringen, manchmal kenterte es.

Du-Zone: Rücken an Rücken kämpfen

Der Patak Blog ist anders. Hier wollen wir gemeinsam, auf vertraulicher Ebene, die Welten der Phantasie erforschen. Die Möglichkeiten der Schriftstellerei. Das atemberaubende Gefühl, etwas zu kreieren. Und wenn wir gemeinsam auf die Reise gehen, mag es vorkommen, dass wir zwischendurch Rücken an Rücken kämpfen müssen – und dafür braucht es keine therapeutische Distanz, sondern Nähe und Vertrauen.

Nicht, dass die Welten des Wörter und Buchstaben keinen therapeutischen Effekt haben. Es gibt sogar den Begriff der Bibliotherapie, wo es unter anderem um die „Heilkraft der Sprache“ geht. Aber in diesem Blog geht es um andere Ziele. Um den Sprung in jene Dimensionen, wo das Mögliche und das Unmögliche miteinander verschmelzen. Wo wir uns und unsere Umgebung bei jedem Schritt neu interpretieren oder erfinden müssen. Das Du bietet uns die Nähe und das Vertrauen von Waffenbrüdern.

Da wären wir also. Du und ich. Unsere erste Begegnung. Etwas wartet auf uns. Obwohl der Cyberspace unendlich gross ist, sind wir hier zusammengekommen. Fremde, die zufällig in die gleiche Richtung reisen. Vielleicht werden wir Freunde. Vielleicht sind wir auch Opfer und Täter.

Gibt es eine Rollenverteilung?

Es spielt keine Rolle.

Etwas wartet.

Schau dich um. Um uns herum ist es dunkel, aber hier, zwischen uns, brennt eine einzelne Kerze. Sie ist schon ziemlich weit heruntergebrannt, und sie flackert, lässt uns wissen, dass um uns herum, in der Dunkelheit, keine Mauern sind, sondern der Hauch des Ewigen, der Unendlichkeit.

Schon bald werden wir diesen Ort verlassen. Denn da draussen warten Welten. Dimensionen. Realitäten.

Hörst du es? Jene Welten flüstern uns zu, wollen uns ihre Geschichte erzählen. Einige Geschichten sind lustig. Bewegend. Inspirierend. Andere wiederum sind düster. Herzzerbrechend. Gefährlich. Tödlich.

Lass uns aufbrechen. Es ist Zeit.
Da draussen wartet etwas …