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„Wie oben, so unten“ – das magische Prinzip des Hermes Trismegistos scheint universell gültig zu sein. Yin und Yang, innen und außen – alles widerspiegelt sich.
Wenn ich als Arzt und Lebensberater in der Praxis bin, kommen die Leute zu mir (von außen nach innen). Bin ich als Schriftsteller unterwegs, so muss ich in die Welt hinaus (von innen nach außen). Nun ja, zumindest meine Bücher.

Viele dieser Pilgerreisen führen – willkommen in der Moderne – durch Cyber-Welten. Auf einer dieser Pilgerreisen als Mann der Feder fand ich kürzlich eine Oase, die ich fortan öfters zu besuchen gedenke: SWEEK – eine Plattform, wo Schreibende und LeserInnen sich begegnen und miteinander kommunizieren.

Interaktives Schreiben

War der Beruf des Schriftstellers noch vor nicht allzu langem eine Einbahnstraße, die von Sender zu Empfänger führte, so ist das Schreiben heute eine interaktive Angelegenheit geworden. Auf Sweek können LeserInnen nicht nur meine Storys beschnuppern, sondern auch aktiv bei der Entstehung neuer Werke dabei sein, können Rückmeldungen geben, positive und kritische Feedbacks, die beim Schreiben hilfreich oder gar wegweisend sein können.

Wattpads kleine Schwester

Dabei ist Sweek in gewisser Weise die europäische kleine Schwester von Wattpad, einer viel größeren und älteren Gemeinschaft von Autoren und Lesern.
Doch gerade die Tatsache, dass Sweek viel jünger und kleiner ist als Wattpad hat mich überzeugt, hier mitzumachen: die Plattform bei ihrem Wachstum zu unterstützen und (beinahe) von Anfang an dabei zu sein.
Wer sich also bei Sweek anmeldet, kommt unter anderem in den Genuss einiger Patak Short Storys, die es sonst nirgends zu lesen gibt …
sweek.com

Wie bereits erwähnt, tummle ich mich seit ein paar Wochen auf der Plattform SWEEK herum, wo LeserInnen und AutorInnen sich begegnen.
Auf jener Plattform gibt es immer wieder auch Wettbewerbe, und eine der Kategorien ist die Mikro-Story: man erhält ein Schlüsselwort, zu dem man eine superkurze Geschichte von maximal 250 Wörtern schreiben soll.

250 Wörter sind wenig. Sehr, sehr wenig.

Nicht umsonst sagte Winston Churchill, einer der größten Rhetoriker des 20. Jahrhunderts:

“I’m going to make a long speech because I’ve not had the time to prepare a short one.”

(„Ich werde eine lange Rede halten, weil ich die Zeit nicht hatte, eine kurze vorzubereiten.“)

In diesem Monat ist das Sweek#Mikro-Schlüsselwort BRIEF. Lesen Sie hier, was für ein weltveränderndes Potential ein Brief haben kann …

 

DER BRIEF

Yves Patak

Sweek#MikroBrief

Ein Klopfen an der Tür. Rabbi Mordecai schaut von der Tora auf und sieht Isaac hereinkommen.
„Isaac!“ Der Rabbi studiert das gerötete Gesicht des jungen Gabbai. „Hast du —“
„Wir haben ihn, Rabbi!“
Mit glühenden Augen überreicht ihm Isaac einen Brief. Schweigend dreht der Rabbi den aufgeschlitzten Umschlag hin und her, studiert das Siegel.
„Und hier habt die Authentizität überprüft?“
Isaac nickt. „Professor Shafirov und zwei Graphologen haben ihn überprüft. Er ist echt.“
„Haben die drei — “
„ — die Geheimhaltungsverpflichtung unterschrieben? Natürlich.“
„Gut, Isaac. Lass mich jetzt allein.“
Die Tür klickt zu. Der Rabbi setzt seine Lesebrille auf. Studiert die eine, in Druckschrift geschriebene Zeile.

DEM JÜDISCHEN VOLK.

Vorsichtig zieht er den Brief hervor und liest.
Großer Gott …
In seiner ungeduldigen, nach vorn geneigten Schrift bietet Adolf Hitler dem jüdischen Volk seine förmliche Entschuldigung an.
„Ich habe mich in eine Idee verrannt“, schreibt der Führer. „Mir schien, es wäre mein Lebenszweck, dem Übermenschen den Weg zu bahnen in eine bessere Welt. Jetzt, nur Stunden vor meinem Tod, erkenne ich, dass der Gedanke Wahnsinn ist.“
Fasziniert betrachtet der Rabbi die geschwungene Unterschrift.
Das eine Dokument.
Der eine Beweis, dass Hitler in seinen letzten Momenten zur Einsicht kam.
Zu einem Menschen wurde.
Der Brief würde der Welt beweisen, dass selbst Hitler Gefühle hatte. Dass er erkannte, wie fehlgeleitet seine teuflische Ideologie war.
Die Welt würde dem Führer nie ganz verzeihen. Aber ihn vielleicht verstehen.
Langsam, genüsslich, zerreißt der Rabbi den Brief.

 

www.PatakBooks.com