Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.com Vom Wort zur Stimme

Kürzlich reiste ich zum Seminar „Sprechtraining für Autoren“ nach München, um bei der Radiomoderatorin und Sprech-Coachin Brigitte Mayer mehr über Stimme und Stimmbildung zu erfahren. Das Seminar war erste Sahne, ebenso (inter-)aktiv wie lehrreich, eine Türe zu einer Welt, der wir im Alltag viel zu wenig Beachtung schenken. Denn die Stimme ist etwas Magisches. (Siehe auch meinen Blog Post „Goethe für Legastheniker„)

Stimmen sind hörbare Stimmungen (Andreas Tenzer)

Warum sollte sich ein Autor, ein „Homo Scribens“, ein Mann / eine Frau des Schreibens, mit der Stimme befassen? Für unsereins gibt’s doch das geschriebene Wort, Feder und Tinte, Tasten und Bildschirm.

Könnte man meinen.

Aber Worte wirken gedruckt oder auf dem e-Reader anders als in der Welt des Schalles.

Die menschliche Stimme ist ein Wunder der Natur. Sie prägt das Bild unserer Persönlichkeit wie ein akustischer Fingerabdruck. Viele berühmte Menschen – egal, ob gut oder böse, ob Jesus, Gandhi oder Hitler – benutzten sie als ihr Hauptinstrument. Die Stimme kommuniziert weit mehr, als der Wortinhalt alleine es tut. In Sekundenbruchteilen gibt sie uns Informationen zu Geschlecht, Alter, gesellschaftlichem und kulturellem Hintergrund eines Menschen, zu seiner Stimmung, seinen Absichten, seinem Charakter. Wörter, die den Begriff „Stimme“ beinhalten, sind oft essentiell: Stimmig. Abstimmen. Übereinstimmen. Bestimmen. Umstimmen. Dito für Redewendungen: Der eigenen Stimme folgen. Die Stimme des Blutes. Die Stimme des Volks. Der Stimme des Herzens / des Gewissens folgen. Eine Stimme wie ein Reibeisen. Gold in der Kehle haben.

Zudem ist die Stimme eine sinnliche Erfahrung. Beim Reden und Singen verwenden wir den eigenen Körper als Resonanzkasten, fühlen also (bewusst oder unbewusst) die Vibrationen, die wir bei bestimmten seelischen Stimmungen selbst verursachen. Faszinierend, wie Spock sagen würde.Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.com Spock Faszinierend

Einstimmig für die Stimme

Was liegt also näher, als einem Buch (s)eine Stimme zu verleihen? Ist doch ein Kinderspiel, schliesslich sprechen wir Erwachsene schon seit vielen Jahren, täglich, sind routiniert …

Pustekuchen!

Das Problem fängt schon beim Lesen an. Ist euch schon mal aufgefallen, dass wir beim Lesen „innerlich mitlesen?“ Meistens tun wir dies stumm, aber das Hirn imitiert den Vorlese-Prozess dennoch, was unter anderem dazu führt, dass die meisten von uns ziemlich langsam lesen; das Hirn könnte es nämlich viel, viel schneller, siehe Speed-Reading.

Die nächste Herausforderung ist es nun, die „automatische innere Stimme“ akustisch so hinüberzubringen, dass sie das volle Potenzial des gesprochenen Wortes vermittelt. Jeder Hörbuch-Junkie (wie ich selbst) weiss, was für eine magnetische, hypnotische Wirkung die Erzählung eines begabten, dazu trainierten Sprechers hat, was für Dimensionen sie eröffnet. Der Haken an der Sache ist, dass die Stimme und ihr Gebrauch etwas so Hochkomplexes ist, dass das Sprechen von Hörbüchern (zu Recht) zu einer eigenen Berufsgattung geworden ist. Was nicht bedeutet, dass wir Schreiberlinge die Hände (resp. die Stimmbänder) davon lassen sollen.

Tatsache ist: nur wenigen Schriftstellern ist es möglich, den eigenen Zeilen die „perfekte“ Stimme zu verleihen. Niemand verlangt absolute Perfektion, aber gewisse Eckpfeiler tragen beim Hörer deutlich dazu bei, ob das Gehörte ein Genuss oder eine Zumutung wird. Die Stimme sagt so viel über den Sprecher, die Sprecherin aus, dass es fast unheimlich ist. Und tatsächlich kommen unheimlich viele Faktoren zusammen, die über Wonne oder Flucht des Hörers entscheiden: Stimmlage, Timbre, Betonung, Tempo, Achtsamkeit, Atem, Lautstärke, Pausen … das Sprechen eines Textes entspricht einer Reise ins Kulinarische. Es gibt alles, von McDonald’s bis zur Haute Cuisine. Und Spitzenköche, so weiss man, müssen lange trainieren, bis sie sich ihre Toques verdient haben.

Diesen Gedanken folgend begann ich vor einem Jahr mit Gesangsunterricht; einerseits, damit meine Gitarre nicht ständig solo unterwegs ist, andererseits mit der Absicht, meine Stimme auch für Lesungen und vielleicht gar für das Vertonen meiner Bücher (oder mindestens meiner Short Storys) fit zu machen. Dabei fand ich neben den technischen Herausforderungen etwas ganz Verblüffendes: Die Stimme ist unerbittlich, eine Richterin, die das eine Ding verlangt, von dem man Schweissausbrüche kriegt: Ehrlichkeit.

Die Geissel Ehrlichkeit

In der Stimme wohnt unsere Seele. Jeder Gesprächspartner oder Zuhörer kann aus ihr heraushören, wie wir drauf sind. Ausgeglichen oder muffig, innerlich bebend oder ein Fels in der Brandung … ja, man kann bei vielen Menschen einen grossen Teil des Charakters aus der Stimme lesen. Wie Georg Christoph Lichtenberg es ausdrückte: „Eine Angenehme Stimme ist sehr oft mit sonst übrigens guten Eigenschaften des Leibes und der Seele verbunden.“ Wenn wir AutorInnen also bei einer Lesung vor einem Publikum stehen, ist es, als wären wir mit einem Hightech-Lügendetektor verkabelt. Ein Bild des Schreckens.

Doch die Stimme kann vom fiesen Enthüller zum Lehrer werden. Wenn man sich um sie kümmert, sich mit ihr befasst. Unzählige Bücher und Coaches erzählen uns vom „Entfesseln des eigenen Potentials“, und sie alle haben Recht. Als Erwachsene glauben wir, dass wir richtig gehen, stehen, atmen, reden. Dabei kann uns jeder Profi in jenen Bereichen in kürzester Zeit aufzeigen, dass es massive Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Schade nur, dass wir keine Zeit haben. Schliesslich gibt es Wichtigeres, wie TV, Nachrichten, mit den Kumpels ausgehen, Shopping, Kino und dergleichen.

Alles kann man besser machen

Doch zurück zur Stimme. Natürlich ist auch die Stimme ein Bereich, wo gewisse natürlich Grundpfeiler stehen, wo Genetik, Persönlichkeit und andere, wenig veränderbare Faktoren eine Rolle spielen. Doch wie man so schön sagt: Alles kann man besser machen, und von nichts komm nichts. Für mich gibt es nichts Naheliegenderes, als mich künftig intensiver um die Stimme zu kümmern – die meine und die der anderen. Als psychologischer Berater, Hypnosetherapeut und Schriftsteller bin ich auf allen Ebenen ein Mann des Wortes. Und dem Wort wird nicht Red Bull Flügel verleihen, sondern Übung. Denn Stimmbildung ist intensives Training, egal, ob es um Gesang oder ums (öffentliche) Reden geht. Wenn man mich heute fragen würde, in was zu investieren sich lohnt, käme die Stimme lange vor Gold oder Novartis-Aktien. Denn die Stimme widerspiegelt unser Ich und unsere Entwicklung.

Der Profi

Ein sehr „stimmiger“ Höhepunkt meiner Schriftstellerkarriere ist deshalb die Tatsache, dass ich für die Vertonung meines Thrillers „Tödlicher Schatten“ den renommierten Sprecher Bodo Primus gewinnen konnte, einen Mann, der mit seiner markanten Stimme ein Millionenpublikum von Hörbuch-Liebhabern begeistert hat. Eine Hörprobe dazu gibts bei Audible: Tödlicher Schatten.

Das „Abenteuer Stimme“ hat für mich jedenfalls eben erst begonnen!

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  1. […] Ein Dreh- und Angelpunkt des Marketings ist es, zu erkennen, was am besten passt. Zu einem selbst und zum Produkt, das man vermarkten will. Was für eine Marketing-Strategie passt denn zu einem Buch? Würde ein perfekt verfilmter Trailer mich dazu motivieren, das Buch zum Trailer zu kaufen, es zu lesen? Ich bezweifle es. Lesen und Filme-Gucken sind verschiedene Planeten mit ganz verschiedenen Bewohnern. Was hingegen zum Buch passen kann, ist die Stimme. (Ich verweise auf meinen Blog Post „Vom Wort zur Stimme.„) […]

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