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Cyber Liebe – ein Corona-Gedicht?

Immer wieder stosse ich auf Zeilen, die ich vor Jahren oder gar Urzeiten geschrieben – und wieder vergessen habe. Gedichte, Kurzgeschichten, oft nur vage Notizen. Kürzlich stolperte ich über ein Gedicht, dass ich im Jahr 2006 schrieb, vermutlich inspiriert von der zunehmenden Verlagerung von der „gelebten Liebe“ (wie ich und die anderen Dinosaurier meines Jahrgangs sie noch kannten) ins Internet, in die anonym-sterile Welt des Cyber-Space.  

Interessanterweise passt das Gedicht ganz gut zum aktuellen Zeitgeist der Corona-Pandemie: die keimfreie Liebe in der Ära des Social Distancing.

 

Cyber-Liebe

Aids, Herpes oder Syphilis –

Tot ist die Lust am echten Kuss.

Verschmilz mit mir, doch nicht im Bett:

Wir lieben uns im Internet!

Ich bin so heiss, du bist so geil,

Und zwischen uns: der Cyber-Keil.

Berühr mich und verführe mich,

Vom Swinger-Club zum Profi-Strich –

Doch nur in meiner Phantasie,

Berühren werden wir uns nie.

Es macht uns sicher, dieses Spiel:

So sauber, keimfrei und steril.

Und ist dein Mund noch so bereit,

Wir bleiben Single – auch zu zweit.

So chat mit mir, mein Cherubim,

Bist du auch bloss ein Pseudonym.

 

(YP – 2006)

 

Bild: Alexander Sinn, Unsplash.com