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Bücher sind alles andere als reiner Zeitvertreib und Futter fürs Gehirn, denn Bücher stecken voller Worte, und Worte sind mächtig – mächtiger als den meisten bewusst ist. Bei Fachbüchern sind sich die Leser über die Macht der Worte einig, dass sie etwas in uns bewirken, uns weiterbringen, während sich bei Fiktion die Gemüter scheiden. Zu Unrecht. Denn die Sprache ist etwas vom Einflussreichsten, was unserer Evolutionsküche entsprungen ist, und sie bewirkt Unglaubliches, wenn man sie einzusetzen weiss – ganz egal, wo.

Im Anfang war das Wort

Nicht ganz zufällig gebührt dem Wort in der Bibel ein Ehrenplatz, heisst es doch im Johannesevangelium:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (…) In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

„Das Licht scheint in der Finsternis.“ … Hmm!

Ich gebe zu, als eingefleischter Agnostiker habe ich mich noch nie so wirklich dem Bibelstudium hingegeben, aber dieser Satz lässt es in mir als Thrillerautor kribbeln.

„Das Licht scheint in der Finsternis.“

Wasser auf meine Mühlen, vertrete ich doch die Meinung, dass auch das Düstere, das Gruselige, uns irgendwie weiterbringen kann. Dass der Thriller, der Krimi, die Gothic Fiction, ein (einigermassen) sicherer Weg ist, unseren eigenen Ängsten zu begegnen – und sie durch Konfrontationstherapie aufzulösen.

Die Macht der Worte

Worte können magisch wirken – ob gesprochen oder gelesen. Sie können kreieren oder zerstören, können liebevoll gesprochen werden wie von einer Mutter, die ihrem Kind ein Märchen vorliest, oder mit der vernichtenden Gewalt eines Adolf Hitler. Worte sind unsere Begleiter und Führer, wenn wir uns auf die Reise nach innen begeben. Der Lichtkegel in der Dunkelheit.

Bücher als Heilmittel

Wussten Sie, dass es in der Psychotherapie den Begriff der Bibliotherapie gibt? Oh ja: Bücher werden gezielt als Heilmittel eingesetzt, als Katalysator, der beeindruckende Seelenprozesse in Gang setzen kann.
Doch es wird noch überraschender: Offenbar helfen düstere Geschichten – also Krimis, Thriller, Gruselgeschichten – sogar bei Depressionen, obwohl man ja eher das Gegenteil vermuten würde. Wie es dazu kommt, lesen Sie im folgenden Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen: Heilende Worte.

 

Gewisse Menschen aus der Gattung der Nicht-Leseratten (Rattus Non-Lectionis) sind der Meinung, dass Romane sinnlos sind. Fiktion, Phantasie und Luftschlösser hätten mit dem wahren Leben nichts zu tun. Ein Statement ohne viel Tiefgang, denn es gilt der Kernsatz:

Die Fiktion spiegelt die Realität wider – und umgekehrt.

Dichtung und Wirklichkeit sind unentwirrbar miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Für viele Menschen wirkt der Roman als Stimulus, als ein wunderbarer Seelenreiz, als Tor in phantastische Welten. In der Psychotherapie gibt es sogar den Begriff der „Bibliotherapie„, einer Therapieform, die sich auf das Lesen und die heilende Wirkung der Sprache stützt. Eine neuere Studie zeigt schließlich, dass düstere Romane Depressiven helfen können.

Relativitäts-Ohrfeige

Ich bin ein Hörbuch-Junkie. Wenn ich alleine fahre, bedeutet Autofahren für mich Hörbuch-Zeit. Meist ziehe ich mir spannende Thriller rein. Kürzlich war ich mit Jack Reacher unterwegs, dem coolen Einzelgänger-Helden und ehemaligen Militärpolizisten aus Lee Childs Feder. In einer Nebenszene begegnet Reacher einem früheren Marine, der hintergangen wurde und in afrikanische Kriegsgefangenschaft gelangte.Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.com Relativität Gefängnis

Die Nebenszene wird schonungslos und detailliert beschrieben. Beinahe wollte ich rechts ranfahren, um durchzuatmen. Der Marine musste monatelang in einer vollgestopften Zelle überleben – so vollgestopft, dass man sich nicht einmal hinlegen konnte. Geschlafen wurde stehend. Der Boden war eine Jauchegrube menschlicher Exkremente. Irgendwann wurde der Marine mit einer Gruppe von Mitgefangenen auf einen Hof geführt. Man erklärte ihm, dass er sich zu seinem Geburtstag wünschen dürfe, ob man ihm das Bein ober- oder unterhalb des Knies absäbelt. Die Machete flog und künftig wurde an jedem Geburtstag  ein Körperteil amputiert. Linker Fuss, rechter Fuss, linke Hand, rechte Hand …

Die Szene ist grauenhaft. Vor allem, weil solche Dinge wirklich geschehen. Ein Teil in mir rebellierte, wollte weghören und die inneren Bilder nicht zulassen. Ein anderer Teil steckte die Relativitäts-Ohrfeige tapfer ein. Die Ohrfeige, die mich daran erinnerte, wie verdammt gut es mir geht, wie verdammt gut es den meisten von uns geht im Vergleich zu dem unglücklichen Marine. Wir sprechen von Fiktion, die die Realität widerspiegelt und damit etwas  in uns bewegt. Fiktion, die eine Entwicklung, eine Erkenntnis fordert.

Die tägliche Erinnerung

Wenn mich alle paar Monate jemand daran erinnern würde, dankbar zu sein für all das Schöne, das ich habe und andere eben nicht, käme dies moralinsauer rüber und der Effekt wäre dürftig. Der Impuls käme viel zu selten, wäre „abstrakt“. Mein Wissen bliebe ohne innere Bilder, die mich bewegen. Romane hingegen evozieren täglich innere Bilder und zeigen mir, wie es „auch sein könnte“. Sie erinnern mich an das Relativitätsgebot des menschlichen Lebens.

Mein Plädoyer endet somit am Anfang: Bei meiner Überzeugung, dass Fiktion – ob Liebesromane, historische Romane oder Thriller – weit mehr ist als Unterhaltung. Sie gehört zu unseren Lehrern in der großen Lebensschule.