Gorilla und Thriller

Yves Patak Schriftsteller www.PatakBooks.com Gorilla & Thriller

Gewisse Themen muss man einfach strapazieren. Weil sie wichtig sind. Noch Fragen? Ähm – sorry: Vielleicht sollte ich mit dem eigentlichen Thema beginnen. Mit Gorillas. Natürlich könnten es auch Elefanten, Wölfe, Säbelzahntiger oder Teufelsnachtschwalben sein, aber heute sind die Gorillas dran – stellvertretend für den Menschen vor dem Schritt in die Zivilisation. Was das Ganze mit dem Thriller zu tun hat? Kommt gleich!

Konventionen und die Unterdrückung unserer Natur

Der Mensch – witzigerweise Homo Sapiens genannt, also der weise/kluge/gescheite/vernünftige Mensch – hat etwas erschaffen, was wir Zivilisation nennen. Kernpunkte dieser Zivilisation sind zum Beispiel, dass wir uns selbst Regeln auferlegt haben, die unserer Natur voll gegen den Strich gehen. Ob Bibel oder Gesetzestext: wir sollen nicht töten, sollen nicht unseres Nächsten Weib begehren (selbst wenn sie uns zum Pokerabend einlädt), und wir sollen nicht das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Wenn uns also einer blöd kommt, uns verbal angreift oder bedroht, muss jeder aggressive Instinkt einem zivilisierten Gespräch weichen, und wenn’s dann nicht anders geht, gehen wir ebenso artig zur Polizei, damit diese sich um den Konflikt kümmert.

Das verbindende Element: wir sollen unsere tierische Natur schlicht unterdrücken und verleugnen. Denn wir sind der Homo Sapiens und haben mit dem niederen Tier, das wir einst wahren, nichts gemeinsam – gar nichts. Vielleicht hat die Bibel ja sogar recht, und wir alle stammen aus der göttlich-inzestuösen Sippe von Adam, Eva, Kain, Abel und Set. Oh Kopfkino, lass ab!

Darwin vs. biblischer Inzest

Betrachtet man jedoch die Evidenz, so kommt zumindest mir die Evolutionstheorie um Welten plausibler vor. Denn rein genetisch sind wir Affen, unterscheiden wir uns doch um weniger als zwei DNA-Prozent von Bonobos und Gorillas . Womit wir wieder beim Thema wären: Was zum Geier haben Gorillas mit Thriller zu tun?

Ganz einfach. Gorillas leben ihre Natur aus. Es geht ihnen, wie uns, ums Überleben, um die Sicherung der Nahrung, um die Fortpflanzung. Nur, dass die Gorillas das Handwerk dazu nicht an Justiz, Polizei, Wirtschaft und Versicherungen delegieren. Das Alpha-Männchen, ein stattlicher Silberrücken, erkämpft sich seine Position, wieder und wieder – bis ein Stärkerer ihn vom Thron schubst. Das einfache Gorillamännchen holt sich sein Weibchen, durch Verführung oder Gewalt sei dahingestellt, und kümmert sich nicht darum, ob jenes Weibchen schon einem anderen gehört. Und auch bei der Nahrungsbeschaffung gilt: der Schnellere ist der Geschwindere.

Darwin vs. biblischem Inzest

Photo by Vincent van Zalinge on Unsplash

In diesem Gorilla-Leben sind Konflikte an der Tagesordnung, Kampf und Gefahr – der Thrill – gehören zum Alltag. Und vielleicht liegt hier der Hund begraben: Wir Menschen – und ich spreche in erster Linie von den Stadtmenschen sozial privilegierter Länder –  haben den Lebenskampf wegrationalisiert, respektive in den virtuellen Raum verschoben. Statt sich die Alpha-Position mit nackten Fäusten zu erkämpfen, verbringen wir zwölf Stunden täglich in einem Grossraumbüro vor einem Flachbildschirm, in Anzug und Krawatte (wobei letztere zwei Attribute auf Rang, Lohn und Penislänge hinweisen). Und selbst wenn unser narzisstischer, schikanierender Boss ein dicklicher Brillenträger mit Asthma ist, dürfen wir ihn nicht aus dem Weg prügeln oder zum Duell herausfordern. Nein, wir unterdrücken jeden Anflug von Frust und Aggression und spielen weiter, gemäss jenen Homo Sapiens-Spielregeln, die uns Magengeschwüre, Migräne und den Herzinfarkt bescheren.

Globale Heuchelei

Auch ausserhalb des Geschäfts strampeln wir im Spinnennetz jener Gesetze, die wir uns selbst eingebrockt haben – Gesetze, die direkt mit unserer tierischen Natur kollidieren. Wir haben von den Eltern und der Gesellschaft gelernt, dass es gut ist, gut zu sein; dass es richtig ist, keine Gewalt anzuwenden und auch die andere Wange hinzuhalten. Wenn uns bei einer Kampfscheidung die Mordlust überkommt, legt uns der Anwalt kopfschüttelnd die Hand auf die Schulter und erinnert uns daran, dass es zwanzig Jahre Knast dafür gibt, dem Impuls – dem im Tierreich völlig natürlichen, überlebensnotwendigen Impuls – des Tötens nachzugeben.

Doch nun folgt das Paradoxe: Obwohl ein Teil unserer Selbst sich so gerne als liebevollen Gutmenschen sieht, glaubt ein anderer, atavistischer Teil diesen Blödsinn nicht einmal im Ansatz. Und vielleicht ist es genau jener wilde Teil, der sich unaufhaltsam durch die Maschen unseres „Wir sind doch keine Tiere!“-Mantras beisst. Jener Teil, der uns dazu bringt, uns täglich die Tagesschau mit ihren tausend Schrecken reinzuziehen. Thriller zu lesen, bei denen es einem kalt über das Rückgrat läuft. Videospiele zu spielen, bei denen Blut und Hirnmasse durch die Gegend spritzt. Interessanterweise sind die wahren Renner unter den Video-Games stets Gewaltspiele, gut 70% aller Spiele gehören zu dieser Kategorie.

All dies weist darauf hin, dass wir uns in eine globale Heuchelei manövriert haben. Einerseits haben die meisten von uns die Fähigkeit zu Liebe und Empathie (wie Gorillas und andere Säugetiere übrigens auch). Gleichzeitig ist da auch die andere Seite. Die unerbittliche „Kampf-oder-Flucht“-Seite, die wir mit solcher Inbrunst verdrängen – schliesslich wollen wir nicht wie die Tiere sein, um Gottes Willen!

Feigheit und Projektion

Wir sind zu „gut“ und gleichzeitig zu feige geworden, Abenteuer zu erleben. Wir delegieren und projizieren diese auf die fiktiven Welten eines James Bond, Harry Potter oder Jack Sparrow, auf Computerspiele und Virtual Reality. Wir unterdrücken unsere tierischen Instinkte mit solcher Vehemenz, dass das Bedürfnis nach seelischen Druckventilen enorm geworden ist. Womit wir wieder beim Thriller im weitesten Sinn wären.

Virtuelle Welt

Photo: Glenn Carsten Peters – Unsplash

Der Mensch sucht den Thrill. Braucht den Nervenkitzel. Vielleicht, weil wir eben doch Tiere sind und den wahren Lebenskampf vermissen. Vielleicht, weil wir das Fight-of-Flight-Leben während Jahrtausenden eingeübt haben und es uns nun tief in den Genen steckt. Wenn also wieder einmal ein netter Zeitgenosse, ein christlicher Weltverbesserer mit hoher Moral und Ethik, das „Böse“ und die Gewalt in Buch und Film kritisiert, mag er darüber nachdenken, ob ohne jene Ventile vielleicht bald wieder tierische Verhältnisse auf der Welt herrschen würden.

Was vielleicht nicht das Schlechteste wäre …

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